(13. Juni 2006)
Über Nacht ist es empfindlich kalt geworden und der Himmel ist mit dunklen Wolken verhangen. Liefen wir bisher in den kürzesten Sommerkleidern herum, brauchen wir nun bereits die dicksten Kleider. Doch im Moment stört es uns nicht und guten Mutes besteigen wir den BAM-Zug Nr. 76 in Taischet kurz vor dem Mittag.
Wir haben wieder ein Abteil für uns alleine und so genügend Platz mit dem vielen Gepäck, Kinderwagen und dem Baby. Schon die Abfahrt ist abenteuerlich, direkt neben uns fährt ein mit Taiga-Holz beladener Güterzug mit uns um die Wette. Links und rechts der Strecke gibt es sehr viele Holzbetriebe und wir haben auch gehört, dass in dieser Gegend nachts häufig Holzdiebe Bäume fällen und illegal verkaufen und so der Taiga (Wald) grossen Schaden zufügen. Das ganze ist einfach eine verzwickte Situation. Das Land hat viele Bodenschätze und Wälder, und ist dennoch zu arm, diese Ressourcen sinnvoll zu nutzen. Um Ueberleben zu können, wird die Natur deshalb leider oft mit struben Methoden ausgebeutet.
Dazu kommt, dass die BAM – der Sowjetunion grösstes Bahnprojekt – nicht zum erwünschten wirtschaftlichen Aufschwung geführt hat. Als der Bau fertig war, sind die meisten Menschen und Firmen wieder gegangen und zurück blieb oft nur Chaos und Armut. Man hat den Bauarbeitern hohe Löhne und schöne Wohnungen versprochen, letztere wurden aber manchmal gar nicht erst gebaut, und so gibt es selbst heute – 20 Jahre später, noch Menschen, welche immer noch in sogenannten „temporären Siedlungen“ leben, in alten Eisenbahnwaggons, den „Waggonitschki“. Ohne Zukunftsperspektive rutschen heute sehr schnell sehr viele in den Alkoholismus ab und werden der Welt gegenüber gleichgültig, sie denken, dass sie sowieso nichts an der Situation ändern können.
Dies alles fällt uns vor allem entlang der BAM auf, aber auch auf der Transsib-Strecke sieht man am Rande der Ortschaften leerstehende Fabriken und einstürzende Lagerhallen, jedoch gleicht sich dies schnell wieder aus durch tolle Städte mit grossen Herrschaftshäusern, kleinen Dörfchen mit typischer Landidylle, und viel weniger Industrie als entlang der BAM.
Auf den ersten Kilometern nach Taischet gibt es erstaunlicherweise auch sehr viele alte Holzdörfchen und aus den Häuschen steigt jeweils eine kleine Rauchsäule empor. Durch den vielen Regen sind die Naturstrassen zu Pisten im Stil vom Kongo geworden und wir sind froh, dass wir gemütlich mit dem Zug daran vorbeirollen können.