(12.09.2002)
Wir sind bereits in Moskau angekommen und sitzen im Hotel Rossja vor dem Fenster mit einem herrlichen Ausblick auf den nächtlich beleuchteten Kreml.
Aber wir wollen nicht vorgreifen, sondern Euch zuerst unsere ersten Eindrücke und Erlebnisse von unserem ersten Teil der Reise näher bringen. Am 7. September sind wir via Amsterdam nach Helsinki geflogen, welches uns nachts um halb elf schon ziemlich verschlafen empfing. Nur der Taxi-Chauffeur sorgte für Stimmung und brachte uns mit seinem Sammeltaxi zum Jugendhotel am Hafen. Bisher hatten wir nicht so gute Erfahrungen mit solchen Unterkünften gemacht, doch hier waren wir erfreulich überrascht.
Alles war gepflegt und hübsch, und das Frühstücksbuffet reichte aus, um uns den ganzen Tag nicht mehr hungern zu lassen. Unsere erste Etappe auf dem Landweg führte auf einer rund zweistündigen Fahrt mit einem Schnellboot über die Baltische See hinüber nach Tallinn, welches als offizieller Startpunkt für unsere "Trans-Asia-Expedition" galt. Obwohl wir die Hauptstadt Estlands aus einer früheren Reise kannten, waren wir etwas erstaunt, wie gross doch der Unterschied zu Helsinki ist. Auf der letzten Reise nach Tallinn empfanden wir die Stadt als recht fortschrittlich und sehr westlich orientiert, wohl weil wir die Wochen zuvor durch viel ärmere Gegenden gereist waren. Doch nun stellten wir fest, dass es noch Jahre dauern wird, bis Tallinn und wohl überhaupt ganz Estland den Standard erreicht, den es mit allen Mitteln anstrebt.
Mit einiger Mühe fanden wir dann schlussendlich den weit in einem Aussenviertel gelegenen Busbahnhof, von wo wir mit dem Nachtbus nach St. Petersburg fuhren. Wir waren die einzigen Touristen, auf der Passagierliste befanden sich neben uns nur noch Russen. Dennoch verlief die Fahrt sehr ruhig und friedlich, einzig die schlechten Strassenzustände raubten uns stundenlang den ersehnten Schlaf. Dann war da auch noch unsere Aufregung wegen dem Grenzübertritt. Wird das gut gehen, wenn wir mit einem ganzen Bus voller Russen mitten in der Nacht an der russischen Grenze auftauchen?
Hoffentlich müssen die anderen Leute nicht wegen uns unnötig warten - oder womöglich lassen sie uns gleich am Zoll stehen und fahren ohne uns weiter?
Morgens um 3 Uhr wussten wir mehr. Wir waren nämlich bereits als Touristen in Russland eingereist. Ich konnte es kaum glauben, wie rasch dieser Grenzübertritt von statten ging. Eine halbe Stunde nahm die Ausreise aus Estland in Anspruch, und nur eine weitere halbe Stunde dauerte die Abfertigung eines ganzen Autobusses mit 50 Leuten inkl. Gepäck an Bord! Alle Passagiere mussten aussteigen, das ganze Gepäck ausladen, durch die Personenkontrolle hindurchgehen und danach das Gepäck vorzeigen. Nicht, das ihr jetzt denkt, dass irgendjemand in die Koffer und Taschen reinschaute. Nein, am Zoll gab es ein Röntgengerät wie am Flughafen, dort ging das Gepäck durch und war in 1 Minute kontrolliert! Für uns gab es allerdings noch ein klitzekleines Problem: wir mussten eine Devisendeklaration ausfüllen und fanden die Formulare nur in russisch in kyrillischer Schrift vor. Zu einer normalen Tageszeit wäre das ja vielleicht noch gegangen, aber mitten in der Nacht und mit unserer Nervosität war einfach nichts zu machen. Umsomehr war ich überrascht, dass uns alle Zollbeamten mit freundlichem Lächeln entgegenkamen und für uns sogar ein Formular auf Deutsch hervorkramten! Sie halfen uns, bis auch wir alle Papiere zusammen hatten und der Car weiterfahren konnte. Wir waren in Russland! Welch eine Freude! Nun konnten wir seelig einschlafen, wir mussten doch fit sein für unseren ersten Tag in einer russischen Stadt.
Viel früher als nach Fahrplan trafen wir in St. Petersburg ein, wo uns Wolodja vom Busbahnhof abholte und zu unserer "Gastmutter" Nadja am anderen Ende der Stadt chauffierte. Das Haus, indem Nadja wohnte, sah von aussen ziemlich heruntergekommen aus. Die Haustüre konnte man nur mit einem speziellen Sicherheitscode öffnen, die Wohnungstüre bestand ebenfalls aus zwei Teilen und mehreren Schlössern. Ihre Wohnung hingegen war ein richtiges Bijou - sie und ihr Mann sind ein Künstlerehepaar und alles ist so liebevoll eingerichtet, dass wir hier ohne weiteres mehrere Wochen hätten verbringen können.
Nadja ist eine sehr gepflegte Frau mittleren Alters, die zu Sowjetzeiten als Ingenieurin für den Staat gearbeitet hat. Mit der Perestrojika war allerdings auch ihr Job überflüssig und sie lebt seit dieser Zeit ohne neue Arbeit. Ihre Wohnung ist ihr Privateigentum und kostet sie mit Bankzinsen und Nebenkosten jetzt jeweils rund 20 U$ pro Monat. Wir hatten uns die russischen Wohnungen bisher immer als ein kleines Zimmerchen vorgestellt, in welchem 5 - 6 Leute eingepfercht zusammenleben, doch diejenige von Nadja ist genau das Gegenteil. Sie hat ein grosses Wohnzimmer mit einem kleinen Balkon, eine geräumige Wohnküche und ein ebenfalls grosses Gästezimmer mit zwei Betten, einem Pult und einem Sofa. Überall hat es viele Bilder, welche sie selber gemalt hat, und viele russische Bücher. Alles passt zusammen, die Teppiche, die Bettüberzüge, die Vorhänge, selbst die frischen Blumen, die in jedem Raum stehen, reihen sich in das Gesamtbild dieser hübschen Wohnung. Nadja's Mann Victor ist zur Zeit im Ausland, er ist als Filmregisseur tätig und gerade auf Krim an einem Filmfestival engagiert. Mitten in St. Petersburg hat er ein kleines Atelier, das ihm und seiner Frau genug Geld zum Leben einbringt. Amüsiert sind wir über den alten Computer in Nadja's Wohnzimmer, auf dem Windows 98 auf russisch mehr schlecht als recht läuft. Obwohl sie ein "Freiticket" von 100 Stunden gratis Internet zur Verfügung hat, bringt sie mit dem Internet Explorer 2.0 kaum eine Seite richtig zum Anzeigen.
Die zwei Tage in St. Petersburg vermittelten uns viele neue Eindrücke, die es nun zu verarbeiten galt. Nur schon die Fahrt mit der Metro war ein Abenteuer für sich, wenn man mit einer Tabelle in der Hand die kyrillischen Buchstaben in deutsche umwandeln musste. Doch wir lernten schnell, und die Hälfte des kyrillischen Alphabetes konnten wir nach zwei Tagen St. Petersburg bereits ohne Hilfe entziffern.
Neben dem Besuch der wichtigsten Sehenswürdigkeiten wie z. B. dem Winterpalast des Zaren oder der Isaak-Kathedrale, von deren Aussichtsplattform man einen herrlichen Blick über die ganze Stadt geniessen kann, war vor allem die "private" Bootsfahrt mit dem Kapitän eines kleinen Holzschiffes und seiner Familie auf den Kanälen der Stadt ein Highlight unseres Besuches. Es fanden sich einfach keine anderen Touristen, die mitfahren wollten, und als wir lange genug gewartet hatten und dem Kapitän noch ein kleines Trinkgeld gaben, fuhr er mit uns alleine los. Abseits der üblichen Routen, die Neva hinauf bis zum Hafen, in dem die heruntergekommensten Schiffe ankerten, die wir je gesehen hatten. Die Werften und Fabrikhallen auf dem Hafengelände stammen aus der Vorkriegszeit und nach Sonnenuntergang wäre es hier wohl nicht mehr so gemütlich...
Wir entdeckten St. Petersburg hinter den Kulissen. Abseits der gepflegten Herrschaftspaläste, wir fuhren dorthin, wo das Geld noch nicht gereicht hat, um die Häuser zu renovieren. Natürlich zeigte der Kapitän uns auch die schönen Seiten seiner Stadt, auf welche jeder St. Petersburger wahnsinnig stolz ist. Das ist einmal die Eremitage, der Winterpalast des Zaren, mit seinen immensen Kunstschätzen, die den Vergleich mit dem Louvre nicht im Geringsten zu scheuen brauchen. Da sind die rund 300 grossen und kleinen Brücken mit ihren glorreichen Verzierungen, oder auch die Admiralität und die Isaak-Kathedrale mit ihrer goldenen Kuppel. Auf der anderen Seite der Neva befindet sich die Peter und Paul Festung, von wo aus Peter der Grosse die Stadt vor rund 300 Jahren aufgebaut hat. Auch unter dem Nevski Propsekt, der wichtigsten Flaniermeile und Einkaufsstrasse der Stadt, ging unsere Fahrt hindurch, bis wir - vom kalten Wind trotz Wolldecke schon halb verfroren am späten Nachmittag unseren Ausgangspunkt erreichten. Ein gelungener Ausflug und für den Kapitän und seine Familie mindestens ein bisschen Einkommen am heutigen Tag.
Dann heisst es Abschied nehmen. Wolodja ist eingetroffen - unsere Reise geht weiter. Nadja schien ein bisschen traurig zu sein, dass wir schon wieder gehen. Ihr Mann Victor ist noch nicht von seiner Arbeit im Ausland zurück und wir hatten ihr doch ein bisschen Gesellschaft leisten können. Wir müssen nach vorne blicken, unser Zug wartet bereits am Moskauer Bahnhof in St. Petersburg. Die Aufregung ist gross. Das ist nun also unsere erste Reise mit dem Zug in Russland. Der sogenannte "Red Aero" fährt regelmässig zwischen St. Petersburg und Moskau hin und her. Nachdem unsere Tickets und Pässe kontrolliert wurden, dürfen wir einsteigen. Der Zug ist ein richtes Bijou, wie der Orient-Express sieht er aus. Es gibt rote Teppiche im Gang und weisse und rote Vorhänge an den Fenstern. Sogar auf dem kleinen Tisch im Abteil ist ein rotes Tischtuch und die Betten sind schön bezogen. Auf dem Tisch stehen Lunchpakete für die nächtliche Fahrt. Dort drin hat es Knäckebrot und Le Parfait, Streichkäse und Butter, Raffaelo und Jogurth, Kaffeepulver und Teebeutel, Zucker und Zahnstocher. Kaum ist der Zug abgefahren, kommen verschiedenste Damen mit Körbchen vorbei, in denen sie Lebensmittel zum Verkauf anbieten. Eine Dame läuft mit riesigen Kaviarbrötchen und Vodka hindurch, den wir allerdings dankend ablehnen.
Es ist schon nach Mitternacht und wir legen uns bald einmal in den Kajütenbetten des Zugabteiles nieder. Als wir wieder erwachen, sind wir bereits 700 Kilometer weitergekommen und der Zug fährt in Moskau ein. Die Stadt ist noch um einiges eindrücklicher als St. Petersburg. Wir wohnen im Hotel Rossja, einem der grössten Hotels in Europa mit 6000 Betten. Von unserem Zimmer blicken wir direkt auf den Kreml - der entgegen aller Befürchtungen nicht im Smog verschwunden ist! Der erste Tag in Moskau ist zwar ziemlich bewölkt, doch bereits am Nachmittag reisst die Wolkendecke auf und wir geniessen von da an herrlichen blauen Himmel und Sonnenschein. Die Temperaturen sind allerdings ziemlich frisch und unsere warmen Kleider kommen hier zum ersten Mal zum Einsatz.
Nach einigem Hin- und Her schaffen wir es schliesslich, genau am 11. September den Kreml von Innen zu besichtigen. Wir sind einfach überwältigt von soviel Schönheit und Reichtum. Es gibt unzählige Kathedralen mit goldenen Dächern, inwendig mit wertvollen Ikonen und Bildern bestückt, verschiedene Ausstellungen, unter anderem die Schätze Russlands wie zum Beispiel die Kronen und Gewänder der Zaren und Adelsleute aus dem vorigen Jahrhundert. Aber auch die Residenz des Präsidenten können wir von aussen bewundern sowie das Haus des Senats und das riesige Kongress- und Veranstaltungszentrum, welches sich innerhalb der Kremlmauern verbirgt. Fasziniert sind wir auch von der Wachzeremonie beim Grab des Unbekannten Soldaten, wo das ewige Feuer seit dem letzten Weltkrieg nie mehr erloschen ist. Wir können die Wachablösung miterleben und sogar fotografieren.
Moskau ist eine wunderschöne Stadt, wo man hinschaut findet man herrliche alte Häuser, die über und über mit Stukkaturen verziert sind und in verschiedensten Farben leuchten. Es gibt im Grossraum des Zentrums keine versteckten schmutzigen Hinterhofgassen, alles ist gepflegt und sauber. Überall wird gebaut und renoviert und verschönert, der innere Ring der Stadt ist mehrheitlich fertig restauriert, je weiter weg vom Zentrum man kommt, desto mehr Baustellen gibt es. Es hat viele Fussgängerzonen, in denen sich ein Strassencafé ans nächste ansiedelt, daneben gibt es unzählige Boutiquen, die nur die schönste und beste Mode verkaufen. In der Arbat Strasse, der beliebtesten Fussgängermetropole, trifft man dann auch auf viele Handwerker, Künstler und Souvenirhändler, die ihre Erzeugnisse den willigen Käufern anbieten.
Mit der Metro fahren wir weiter an den Stadtrand hinaus und entdecken ein Stück Moskau, das uns zeigt, wie die Durchschnittsbevölkerung lebt. Aber selbst da sind die meisten Häuser in gutem Zustand, es gibt zwar einige Plattenbauten aus der Sowjetzeit, aber ansonsten ist es nicht schmuddelig oder unheimlich, wie man das oft glaubt bei uns. Was uns besonders gut gefällt ist ein Markt, wo die Einheimischen einkaufen gehen. Lauter kleine Markthäuschen gibt es dort, in denen von Fleisch über Früchte und Kaviar bis hin zu Autobatterien und neuen Reifen einfach alles angeboten wird, was der Mensch so zum Leben braucht. Die Preise liegen weit unter denen in der Stadt und es macht Spass, das ganze anzusehen. Einziger Nachteil ist, dass wir nur einen Rucksack dabeihaben und keinen Lastwagen, um all die schönen Sachen einzukaufen und mit nach Hause zu nehmen!
Wir haben noch einen weiteren Tag Zeit, um Moskau in uns aufzunehmen, dann geht die Reise weiter mit der Transsibirischen Eisenbahn Richtung Osten. Unser nächster Stopp wird mitten in der Taiga liegen, ob wir uns da allerdings per E-Mail melden können, ist mehr als fraglich. Sicherlich werdet Ihr von Irkutsk aus wieder etwas von uns hören, bis dahin wünschen wir Euch eine gute Zeit - und wenn ihr mal nicht wisst, wohin fahren, denkt daran - Moskau ist auf jeden Fall eine Reise wert!
In diesem Sinne herzliche Grüsse aus dem Herzen Russlands
Nicole & Andi Baumann