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(21.09.2002)
An unserem letzten Tag in Moskau fuhren wir mit der Metro hinaus zum Gorki-Park, eine Anlage aus der Sowjetzeit, spazierten dem Ufer der Moskva entlang durch einen Kunsthandwerkermarkt und besuchten schlussendlich auch noch eines der ältesten Viertel der Stadt, Kitay Gorod, das frei übersetzt China Town heisst.
Nach einem letzten Rundgang auf dem Roten Platz und seinen in der Nacht herrlich beleuchteten Prachtbauten, holte uns unser Transferfahrer beim Hotel Rossja ab und brachte uns zum Jaroslawer Bahnhof. Hier trafen wir auch unsere zukünftigen Reisekumpanen, Claudia und Michael aus Ulm, mit denen wir die nächsten Tage verbringen werden. Obwohl es mitten in der Nacht war, herrschte reger Betrieb auf dem Bahnsteig. Alle waren ziemlich aufgeregt - wie wird sie sein, unsere erste Zugfahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn? Eine Etappe von drei Tagen stand uns bevor, bis wir in der sibirischen Kleinstadt Taischet ankommen werden.
Dann fuhr der Zug ein. Es war die Nummer 10, genannt "Baikal". Es soll einer der besten Züge des Landes sein und verkehrt regelmässig zwischen Moskau und Irkutsk, einer Strecke von 5191 Kilometern. In jedem Wagen fahren auf dieser langen Strecke zwei Zugbegleiterinnen mit, die sich im Dienst abwechseln können und für das Wohl der Gäste und die Ordnung und Sauberkeit zuständig sind. In der zweiten Klasse reisen vier Passagiere gemeinsam in einem Abteil, und wir waren alle froh, dass wir ganz gut zusammenpassten. Da waren andere Touristen, die alleine reisten mit Russen im Zug, und sich auf der ganzen Fahrt nicht verständigen konnten. Eine andere Story, die wir hörten, war von zwei Frauen, welche die halbe Nacht von einem Typen belästigt worden sind, und in einem anderen Abteil wurden sogar Geld und Papiere gestohlen. Wir hatten es gut und richteten uns gemütlich ein. Man bekam für ein paar Rubel sogar frische Bettwäsche und ein Handtuch, das wie unsere Geschirrtücher aussah, aber dennoch ganz praktische Dienste leisten konnte.
Um 23.30 Uhr war dann der grosse Moment. Der Zug fuhr aus dem Jaroslawer Bahnhof hinaus in das grosse weite Russland. Bis Irkutsk, am Baikalsee gelegen, wird er fünf Zeitzonen durchfahren, bis hinüber nach Wladiwostok sind es sogar sieben. Jeden Tag muss man die Uhr wieder eine Stunde vor stellen.
Für uns hiess es jetzt erst einmal ein paar Stunden zu schlafen. Das war gar nicht einmal so einfach, wenn man sich noch nicht an das Rütteln und Schütteln auf den teilweise holprigen Streckenabschnitten gewöhnt hat. Doch mehr oder weniger erwachten wir alle am nächsten Morgen ziemlich ausgeruht. Leider hatte ich allerdings wohl in Moskau irgendetwas aufgelesen und mir war die ganze Zeit furchtbar übel und ich hatte auch grausamen Durchfall, was mir sonst eigentlich noch nie passiert ist. Komischerweise ist es Andi am Tag zuvor genauso ergangen. Das Schütteln und Rütteln des Zuges trug nicht gerade dazu bei, dass ich schnell wieder auf die Beine gekommen wäre. Gottseidank konnte ich den ganzen Tag liegen und schlafen, während die anderen die Zeit mit diskutieren und rumlaufen, aber auch einfach mit nichts tun verbrachten.
Verpflegen konnten wir uns während der Reise entweder im Speisewagen oder direkt von den Babuschkas - den Grossmüttern die an allen Bahnhöfen stets die verschiedensten Köstlichkeiten anboten. Ich glaube, vor allem diese Stops machen - neben der wunderbaren Landschaft - den Reiz einer Transsibirien Reise aus.
Die Zeit im Zug verging eigentlich relativ rasch. Man sitzt einfach da und schaut aus dem Fenster, wo die sibirische Landschaft wie ein Film vor einem abläuft. Bereits in der zweiten Nacht hatten wir den Ural durchquert und die Grenze zu Asien überschritten. Und an dieser Stelle beginnt Sibirien, ein riesiges Gebiet, nur spärlich besiedelt und teilweise noch völlig unentdeckt geblieben bis in die heutige Zeit.
Abends um halb zehn des dritten Tages erreichten wir Taischet, eine kleine Eisenbahnerstadt, wo wir den Zug verliessen. Aleksej erwartete uns schon. Wir fuhren mit ihm nach Birjusa, wo wir das echte Sibirien abseits der Touristenpfade kennenlernen wollten. Es war schon empfindlich kalt geworden und hatte fast den ganzen Tag geschneit. Wir mussten uns erst noch daran gewöhnen, war es doch im Zug immer wunderbare 25° C.
Der nächste Tag begann mit einem üppigen Frühstück, das man hier in der Kälte wahrhaftig gebrauchen konnte. Igor, ein deutschsprachiger Einheimischer, zeigte uns heute das Dorf. Es besteht aus vielen hübschen Holzhäuschen mit grossen Gärten. Die 600 Einwohner sind fast ausschliesslich Selbstversorger und mit dem Bau der Eisenbahn hier hergekommen. Am Nachmittag spazierten wir gemeinsam durch die Taiga, es war bitterkalt und wir fragten uns, warum wir wohl ausgerechnet nach Sibirien gekommen sind. Acht Monate im Jahr herrscht hier Winter und wie es aussah, hatte er nun bereits begonnen.
Unsere Motivation stieg allerdings erheblich, als Aleksej und Tanja die Banja für uns in Betrieb nahmen. Banja ist eine russische Sauna mit einem Holzofen, auf dem heisses Wasser gemacht und Dampf produziert wird. Endlich konnten wir uns nach Lust und Laune waschen und der sibirischen Kälte trotzen in dem schönen heissen Holzhüttchen drin. Alle waren glücklich und zufrieden über diese Wohltat.

Am nächsten Morgen holte uns Gregor ab. Andi und ich wollten eine Bootsfahrt auf dem Birjusa machen. Michael und Claudia entschlossen sich spontan, auch mitzukommen. Nach einer halsbrecherischen Fahrt mit dem russischen Geländewagen erreichten wir gegen Mittag den Fluss, wo das Motorboot schon auf uns wartete.
Der Kapitän, ein erfahrener älterer Mann, kennt den Fluss wie kein anderer. Früher hat er für die Holzfabrik gearbeitet und Baumstämme durch den Fluss befördert. Heute hilft er mal da und mal dort mit Spezialtransporten, der Fluss wird nicht mehr von grösseren Schiffen befahren. Die restliche Zeit verbringt er am liebsten mit Jagen. Wir fuhren mit dem Stahlboot flussaufwärts. Die Strömung ist relativ stark, doch für den Motor mit 870 PS kein Problem. Schlimmer sind die Untiefen, die jedes Jahr anderswo liegen. Zum Teil beträgt der Wasserstand nur 20 cm, die reichen müssen, um mit unserem Boot rüberzufahren. Überall gibt es Sandbänke und Inseln, der Fluss verzweigt in ein Wirrwarr aus Nebenarmen, und wir waren froh um unseren fachkundigen Kapitän, der uns sicher durch all diese Risiken navigierte.
Nach guten 2 Stunden Fahrt flussaufwärts legten wir in der sogenannten Sibirischen Schweiz an, um zu picknicken. Die Taiga zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Die Laubbäume leuchteten allesamt schon in ihren prächtigsten herbstlichen Farben, dazwischen blühten in der Heidelandschaft immer noch alle möglichen Blumen, über den Fluss flogen Scharen von Wildenten und wir wärmten uns am romantischen Lagerfeuer. Einzige Störung in dieser Idylle waren die vielen Mücken, die gerade darauf gewartet haben, dass hier endlich mal wieder jemand vorbeikommt.

Gegen Abend fuhren wir noch ein kleines Stück flussaufwärts, dann traten wir die Rückfahrt nach Birjusinsk an, wo Gregor uns schon erwartete. Mit einigen Abstechern machten wir uns auf die Rückfahrt mit dem Geländewagen. Gregor fragte, was wir wollten: Den kürzeren Weg über eine alte Piste, die gerade recht sei, um den Geländewagen zum Einsatz zu bringen, oder die längere Strecke über den Asphalt. War natürlich klar, dass wir uns einstimmig für die Piste entschieden. Diese führte dem alten Bahntrasse der Transsib entlang, welches aus der Zarenzeit stammte. Die Piste wurde immer schrecklicher, wir hatten zwar noch unseren Spass, aber als Andi und ich nur einen Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam waren und uns nicht festhielten, knallten wir so stark mit den Köpfen an das Fahrzeugdach, dass Andi furchtbar übel wurde und er sich sofort bei Aleksej hinlegen musste. Ich machte mir grosse Sorgen, mir ging es auch nicht sehr gut, ich hatte mich auch noch stark erkältet, und nun lagen wir beide halbwegs flach. Gottseidank hatten wir noch Michael und Claudia, mit denen wir unsere nächste Etappe der Zugfahrt bis nach Irkutsk antraten. Davon dann aber mehr im nächsten Reisebericht!

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