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Am Baikalsee

(23.09.2002)

 

Irgendwie bekam ich langsam das Gefühl, auf den Zug gewissermassen "allergisch" zu sein. Jedesmal, wenn wir Zugfahren mussten, hatte ich ein Leiden. Diesmal war ich damit nicht alleine, Andi kämpfte mit seinem Brummschädel, den er sich bei der Geländewagenfahrt zugezogen hatte, und Michael war ebenfalls stark erkältet.

 

Wir erreichten Irkutsk also mehr schlecht als recht nach einer Nachtfahrt mit dem Zug Nr. 88 ab Taischet. Nach ein paar Erledigungen in der Stadt fuhren wir mit dem öffentlichen Bus weiter nach Listwjanka. Die Strasse war erstaunlich gut, obwohl durch den heftigen Temperaturunterschiede zwar ziemlich uneben, wies sie so gut wie keine Schlaglöcher auf. Die Fahrt führte durch wunderschöne herbstliche Landschaft, Hügel rauf und wieder runter, und ab und zu hatte man fast das Gefühl, auf Amerikas Highways unterwegs zu sein. Doch die kleinen hübschen Dörfchen mit ihren Holzhäuschen wie aus dem Bilderbuch erinnerten uns sofort wieder daran, mitten in Sibirien zu sein.

 

Nach eineinhalb Stunden Fahrt erreichten wir Listwjanka und blicken das erste Mal auf den faszinierenden Baikalsee. Allerdings galt unser Hauptaugenmerk im Moment mehr darauf, so schnell wie möglich unsere Unterkunft zu finden, denn ich hatte mich heute schon genug verausgabt für meinen schlechten Gesundheitszustand.

 

Wir hatten Glück und kamen in einem herrlichen Holzhäuschen mit Cheminée bei Eliane unter, die uns die nächsten zwei Tage mit guter Nahrung und Banja aufpäppelte. So konnten wir doch noch das Limnologische Museum besuchen, dass sich mit der Flora und Fauna des Baikalsees beschäftigt, und liessen es uns auch nicht nehmen, das herrliche Wetter bei einem Spaziergang durch das Dorf zu geniessen. Heute war so ein wunderschöner Tag, die Sonne schien, es hatte mindestens 25 Grad, und ein sanfter Wind strich über unser Gesicht. Überall konnte man rasten, um die Faszination dieses wundersamen Sees in sich einwirken zu lassen. In besserer Verfassung als bei unserer Ankunft verliessen wir das romantische Dörfchen wieder und fuhren mit unserem Chauffeur nach Irkutsk zurück. Hier mussten wir in ein anderes Fahrzeug umsteigen. Der neue Fahrer hiess Sascha und sollte uns auf die Insel Olchon bringen. Er sprach höchstens fünf Wörter deutsch, ansonsten konnte er nur russisch. Trotzdem war er uns sofort sympathisch. Nachdem er mit uns auf dem Schwarzmarkt seinen Benzintank gefüllt und sonstige Dinge erledigt hatte, konnte die Fahrt endlich losgehen. Auch die Strasse nach Olchon ist bis zum letzten Viertel in recht gutem Zustand und wir kamen zügig voran. Wir durchquerten geniale Waldlandschaften, die in ihren schönsten herbstlichen Farben leuchteten. Unterwegs machten wir eine kurze Pause bei einem Rastplatz, der uns durch die vielen Opfergaben an die Schamanen schon darauf aufmerksam machte, dass wir nun in dem Gebiet waren, in dem Burjaten leben.

 

Die Landschaft wurde immer karger, endlose Steppe löst den Wald ab. Ab und zu tauchte wieder ein kleines Dorf in der grossen Weite auf. Bald ging die Asphaltstrasse in eine Schotterpiste über. Staub und Wellblech minderte die Begeisterung für die Gegend ein wenig. Dann tauchte der Felsen von Olchon am Horizont auf. Doch wir waren noch lange nicht da, wir mussten noch ein ganzes Stück fahren, bis wir das Ende der Piste erreichten, von wo es nur noch per Fähre weitergeht.

 

Von dieser Fähre hatten wir schon allerlei gehört. Sie ist öfters mal defekt und eine Wartezeit von vier Stunden ist keine Seltenheit, bis man endlich auf die Insel rüberfahren kann. Die Fahrzeit mit dem Schiff dauert dann allerdings höchstens zehn Minuten, es ist beinahe ein Katzensprung, vielleicht ein oder zwei Kilometer im Maximum.

 

Es war vier Uhr nachmittags und wir waren etwa das dritte oder vierte Auto, dass hier auf das Schiff wartete. Wir richteten uns auf die lange Wartezeit ein. Doch bereits nach etwa einer halben Stunde tauchte die Fähre vor uns auf. Wow, das ist ja fast ein Wunder! Das wäre genial, wenn wir so schnell auf die Insel rüberkommen würden. Wir freuten uns leider zu früh. Denn was sich danach abspielte, dass tönt so unglaublich, das wir selbst daran zweifeln würden, hätten wir es nicht mit eigenen Augen gesehen. Ich will das ganze mal versuchen zu rekonstruieren.

 

Der "Hafen", in den die Fähre einlaufen sollte, befand sich in einer kleinen Bucht. Es gab zwei Anlegestellen, von wo auch die Fahrzeuge auf das Schiff gelangen können. Nun wunderten wir uns schon, wieso die Fähre nicht zu dieser Anlegestelle fuhr, sondern viel zu weit nach rechts ins nichts abdriftete. Dann stand sie da. Quer zwischen der Anlegestelle und der Weide für die Kühe. Wir fragten uns, was das ganze jetzt soll und wieso sie nicht umdreht. Wahrscheinlich ist wieder irgendetwas defekt, dachten wir. Die drei Autos, die auf der Fähre waren, fuhren ständig vor und zurück, was uns noch mehr Rätsel aufgab. Unser Chauffeur brachte uns dann die Lösung: Das Schiff ist auf Grund gelaufen! Es kommt nicht mehr vom Fleck, es steckt fest! Mit allem hatten wir gerechnet, aber mit dem nun wirklich nicht. Zwei Stunden vergingen, ohne dass sich das Schiff auch nur einen Millimeter bewegte. Inzwischen hatte sich schon eine ganz schöne Menschenmasse hier am Hafen versammelt. Darunter auch einige Polizisten, die uns vehement vom Filmen und Fotografieren abhalten wollten. Doch wir fanden immer wieder einen Winkel, in dem sie uns nicht sahen, und am Schluss erklärte ihnen Sascha, wir seien Journalisten und hätten das Recht zu fotografieren. Das mussten sie akzeptieren.

 

Auf der Insel Olchon leben rund 1500 Menschen. Einige davon warteten nun mit uns hier am Hafen. Sie hatten auf dem Festland eine Arbeit oder sonst etwas erledigt und wollten nach Hause. Auch eine Schulklasse war dabei. Irgendetwas musste jetzt passieren. Man versuchte mit zwei aneinandergeketteten Lastwagen das Schiff aus seiner misslichen Lage rauszuziehen, doch der Winkel war so denkbar ungünstig, das dieser Versuch von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

 

Die Zeit verstrich. Dann ging das Gerücht um, ein anderes Boot werde kommen, um die Fähre zu befreien. Angesichts unserer geographischen Position könnte das Stunden dauern, besonders wenn es ein starkes Boot sein soll. Doch es dauerte gar nicht allzu lange, da tauchte eines dieser kleinen Fischerboote im Hafen auf. Unser Fahrer konnte sich vor lauter Lachen nicht mehr erholen. Das Bötchen sah genau aus wie die Maus neben dem Elefanten. Was will das denn schon ausrichten? Aber abwarten, manchmal ist klein auch ganz fein. Tatsächlich schaffe es dieses kleine Schiffchen, seinen grossen Bruder soweit zu bewegen, bis er wieder frei im Wasser schwamm. Grosse Freude herrschte unter den Leuten! Endlich kann es nach Hause gehen!

 

Doch die Geschichte ist leider noch nicht zu Ende. Es ist traurig, aber wahr, denn die Fähre schaffte es abermals nicht, ordnungsgemäss an der Landungsbrücke anzulegen. Sie drehte sich hin und her im Wasser, rammte beinahe die Pfähle, machte ein Bild wie ein herrenloses Schiff und driftete dermassen ab, dass sie in die Felsen der Bucht hineinfuhr und erneut strandete. Jetzt war es allen klar, dieser Kapitän ist total betrunken, es liegt nicht am Schiff, es liegt nur am Kapitän. Und mit dieser Fähre sollen wir tatsächlich rausfahren?

 

Wenigstens hatte sie zwei einigermassen funktionstüchtig aussehende Rettungsboote und mehrere Rettungskapseln dabei und ich malte mir in Gedanken schon aus, wie wir notfallmässig an Land rudern werden. Nur um das Gepäck machte ich mir noch Sorgen, wir würden wahrscheinlich schon heil rauskommen, doch wenn alle unsere Bilder und Notizen und die ganze Ausrüstung untergehen würde, wäre die Reise hier zu Ende.

 

Es kam ein grösseres Fischerboot hinzu, um dem kleineren zu helfen, die Fähre abermals zu befreien. Für dieses Schauspiel gibt es praktisch keine Worte mehr. Kaum war sie wieder auf See, driftete sie durch die Strömung weiter ab und verschwand sogar ganz hinter dem Felsen. Man stelle sich das einmal vor, eine Fähre, weitab vom Kurs, mit einem betrunkenen Kapitän, der es nicht schafft, geradeaus in den Hafen zu fahren. Langsam wurde es dunkel, und gerade kurz vor Sonnenuntergang klappte es dann doch noch. Doch nun ging das Gerangel um einen Platz auf dem Schiff erst richtig los. Normalerweise fährt sie nur bis 21 Uhr und kann etwa 5 - 10 Autos mitnehmen, je nach Grösse. Alle drängten und würgten und fluchten, und dabei spielte es gar keine Rolle, wer zuerst hier war. Die Polizei suchte sich die Fahrzeuge aus, die mitdurften, und wie wir später noch mitbekamen, waren es wohl die, welche ihnen durch ein bisschen Schmiergeld und Geschenke besonders sympathisch waren. Für uns reichte es nicht mehr und wir bekamen langsam Angst, hier mitten im Nichts die Nacht verbringen zu müssen.

 

Einen Vorteil hatte es dennoch. Wir konnten uns versichern, dass die Fähre nicht Leck geschlagen war. Allerdings mussten wir wieder eine Stunde warten, bis sie ausnahmsweise noch einmal zurückkam. Diesmal klappte es mit Anlegen etwas besser - aus welchen Gründen auch immer. Und da wir die Polizisten auch ein wenig freundlich angelächelt hatten und unser Chauffeur noch ein paar Worte mit ihnen gewechselt hatte, kriegten wir den Platz. Für etwa fünf andere Fahrzeuge reichte es nicht mehr, sie mussten wohl die Nacht dort draussen verbringen.

 

Wir standen in der Nähe des Rettungsbootes und waren auf höchster Alarmbereitschaft. Es schwankte und schaukelte und dann fuhr das Schiff hinaus in die stockfinstere Nacht. Nach einiger Zeit erreichten wir das andere Ufer und nach ein paar Versuchen klappte es auch mit dem Anlegen. Wir waren heilfroh, gut rübergekommen zu sein. Doch von hier waren es noch 35 Kilometer auf rauer Piste bis nach Chuschir, dem Hauptort der Insel. Sascha war auch schon ziemlich müde und wollte so schnell wie möglich dorthin. Mir war Angst und Bange und man sah kaum, ob die Piste geradeausging oder ob eine Kurve kam. Über das Wellblech raste er mit 120, eine kleine Drehung und wir wären im Jenseits gelandet. Kreideweiss und fixfertig erreichten wir um elf Uhr in der Nacht die Wohnsiedlung von Nikita, wo man sich schon gefragt hatte, wo wir denn bleiben. Es gab wenigstens noch ein wenig zu essen, wir hatten seit dem Frühstück nichts mehr gehabt. Danach fielen wir todmüde und völlig überfordert ins Bett.

Der nächste Tag belohnte unsere Anstrengung mit schönstem Sonnenschein. Wir zogen gleich nach dem Frühstück mit unseren Kameras bewaffnet los, um die Umgebung zu Fuss zu erkunden. Das Dorf Chuschir, in welchem wir wohnten, ist zugleich auch der Hauptort der Insel. Es besteht ausnahmsweise aus Holzhäusern. Strom gibt es nur ab 21 Uhr abends bis Mitternacht ab einem Generator. Ansonsten findet das Leben ohne Elektrizität statt. Die meisten Einwohner sind Burjaten, die uns mit ihrem asiatischen Aussehen ein wenig an Eskimos erinnern.

 

Ganz in der Nähe von Nikita befindet sich auch die bekannteste Sehenswürdigkeit von Olchon, das Kap Burchan mit seinem Schamanenfelsen. Im Morgenlicht sticht er besonders schön aus dem Baikalsee hervor. Wir steigen hinunter in die herrliche Bucht und verbringen den ganzen Vormittag mit Fotografieren und unseren Gedanken nachhängen.

 

Später gehen wir weiter zu einem Aussichtspunkt, von wo man nochmals über das Kap aber auch über das Dorf und den dahintergelegenen Sandstrand blicken kann. Dort wollen wir nun etwas spazieren gehen. Gleich hinter dem Sandstrand gibt es einen herrlich kühlen Lärchenwald, dessen Boden mit Gräsern und Moosen bedeckt ist.

 

Nachdem wir fast alle Filme verknipst haben, gehen wir zurück durch das romantische Dorf. Hier gibt es besonders viele Tiere, mindestens 3 x so viele wie Menschen hier leben. Nachts halten uns die Hunde mit ihrem Gebell, die Kühe mit ihrem Muhen und die Hähne mit ihrem Krähen beinahe vom Schlafen ab. Es ist halt etwas anderes, als den Lärm einer Autostrasse oder eines Zuges, man muss sich erst an diese biologischen Geräusche gewöhnen!

 

Drei mal am Tag gibt es bei Nikita zu essen, und davon reichlich. Das Frühstück besteht aus einem Spiegelei, zwei Omeletten mit frischer Marmelade, Brot, Butter, Käse, Haferbrei und Schwarztee. Am Mittag gibt es Suppe, Kartoffeln, Fisch und Gemüse und das Nachtessen beginnt ebenfalls mit Suppe, daneben gibt es verschiedene Salate und weiteres Gemüse und einer weiteren heissen Mahlzeit und einem Dessert. Um das viele Essen zu verdauen, kann man sich in die heisse Banja setzen, dort nach belieben schwitzen und sich mit heissem Wasser waschen, solange es einem beliebt. Nach Einbruch der Dunkelheit wird bei schönem Wetter das Lagerfeuer entzündet, bei dem sich alle zusammenfinden und den schönen Abend unter dem klaren Sternenhimmel geniessen.

 

In unserem Blockhaus gibt es im unteren Stock zwei gemütliche Zimmer, die sich eine Waschgelegenheit und die Biotoilette im Haus drin teilen. Das funktioniert sehr gut und endlich müssen wir nicht mehr in die Kälte raus, um unsere "Geschäfte" zu verrichten.

 

Am Abend kommt eine der hübschen Frauen, die wir am Hafen gesehen hatten, in unser Lager und fragt, ob jemand eine Massage haben möchte. Für 100 Rubel bietet sie diese für eine Dauer von 30 Minuten an. Nach der Banja genau das richtige und ich sage spontan zu. Sie kommt in unser Zimmer und massiert mir eine halbe Stunde lang den Rücken. Sie hat eine sehr starke Ausstrahlung und macht ihre Arbeit sehr gut. Wellness-Ferien für einen kleinen Preis sind das, man sollte wirklich zwei Wochen bleiben können, dann wäre man wohl ein neugeborener Mensch. Alles wird hier biologisch und mit Naturheilmitteln etc. gemacht und die Kenntnisse von den Kräften der Natur sind noch allesamt vorhanden. Man könnte noch viel lernen von diesen Leuten.

 

Am zweiten Tag in Olchon entscheiden wir uns spontan, an einem Ausflug teilzunehmen. Wir wollen zum Norden der Insel fahren, die Gesamtlänge der Strecke beträgt rund 80 Kilometer. Nikita arbeitet sehr eng mit der Dorfbevölkerung zusammen, und beinahe jeder Einheimische bekommt immer mal wieder einen Auftrag von ihm. So organisiert er heute spontan einen Chauffeur für unsere Gruppe von 10 Touristen. Es ist aber kein Minibus mehr zu finden und wir fahren auf der Bridge eines Lastwagens mit. Nikita versichert sich etwa 10 mal, dass wir alle warm genug angezogen sind und gibt uns noch einen Sack mit Wollmützen mit.

 

Die Route führt durch sämtliche Landschaftsformen, welche die Insel aufweist, von Wanderdünen zur Steppenlandschaft bis hin zum schönen Lärchenwald. Ab und zu kommen wir an einer kleinen Siedlung vorbei, viele Häuser sind aber auch verlassen.

 

Die Piste wird zunehmends schlechter, wenn nicht sogar katastrophal. Zum Glück ist unser LKW äusserst geländegängig und meistert die hohen Anforderungen mit Bravour. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns möglichst gut festzuhalten. Es geht steil bergan. Der Fahrer muss mit äusserster Genauigkeit zwischen dem Fahrweg und den tiefen Rinnen der Holztransporter navigieren. Wenn es geregnet hat, ist es fast unmöglich, hier durchzukommen. Doch wir haben Glück und die Sonne scheint auch heute den ganzen Tag. So erreichen wir völlig durchgeschüttelt die Tascheransk-Steppe. Hier gibt es viele kleine Hügel, auf denen malerische Steine verstreut liegen, vereinzelt sieht man auch krumme, verkrüppelte Bäume.

 

Fast 8 Kilometer lang führt unser Weg durch diese Landschaft. Dann biegen wir zum Ufer hin ab und machen Halt an der Felsengruppe mit dem Namen "Drei Brüder". Drei grosse Felsen stehen hier abgesondert vor der Steilküste. Von hier aus ist bereits das Kap Choboi mit seinem unverwechselbaren rechteckigen Felsen zu sehen. Ihm verdankt es den Namen "Choboi" (Burjatisch für "Stosszahn"). Es ist unsere nächste Station. Wir fahren einen steilen Abhang hinunter zum Halteplatz. Von da geht es die letzten 500 Meter zu Fuss bis zum äussersten Punkt des Kaps, den nördlichsten Punkt der Insel. Vom Wasser her hat das Kap Ähnlichkeit mit einer Frau im Profil. Auch hierzu gibt es wieder eine Geschichte. Auf dem Fussweg entdecken wir sehr viele seltene Pflanzen. Vom Kap aus bietet sich ein herrlicher Blick sowohl über das "kleine Meer" als auch auf das zur anderen Seite gelegene "grosse Meer" (bolschoe more). Es gibt am Baikalsee eine Reihe von Orten, denen besondere Kräfte zugesprochen werden und die im Volksglauben verehrt werden. Das Kap Choboi ist einer der bekanntesten von ihnen und gilt bei den Burjaten als heilig. Man sollte von solch einem Platz nichts mitnehmen. Im Gegenteil ist es üblich, neben dem hölzernen Pfahl irgendetwas zurückzulassen: eine Münze, eine Zigarette, ein Bonbon. Man kann auch einen Stoffstreifen anbinden, auf diese Weise wird der Pfahl im Laufe des Sommers besonders bunt.

 

Nach dem Kap Choboi machen wir drei Kilometer weiter noch einmal Halt in einer herrlichen Bucht. Hier steht ein Vermessungsturm, von dem aus sich ein wunderschöner Blick auf das "Grosse Meer" und die felsige Steilküste bietet, die teilweise 40 Meter tief zum Wasser hin abfällt und so typisch ist für diesen nördlichen Teil der Insel. In dieser Bucht gibt es ein wunderschönes, winzig kleines Fischerdörfchen mit lauter bunten Holzhäusern. Der Strand besteht aus runden Steinen und kristallklarem Wasser. Nur wenige Meter dahinter befindet sich in der harmonischen Steppenlandschaft noch ein kleiner See.

 

An diesem herrlichen Ort machen wir nun unser Picknick. Wir haben grosses Glück und ein Burjate treibt auf seinem Pferd gerade in diesem Moment die grösste Schafherde der Insel quer durch das Tal auf uns zu. Er trägt an seiner Hand so etwas wie eine Schnur mit vielen Dosendeckeln, mit der er laute Geräusche macht und dazu schrille Rufe ausstösst. In wildem Galopp reitet er an uns vorbei, die Mähne des Pferdes und seine Kleider flattern im Wind. Die Kolonne der Schafe hört nicht mehr auf, so weit das Auge reicht bedecken sie die weite Steppe. Er treibt sie direkt auf den Baikalsee zu und sie belagern das Ufer in windeseile. Genüsslich trinken sie von dem köstlichen Nass und machen dann wieder Platz für die nächsten durstigen Schafe. Wir sitzen mitten in dem Schauspiel drin und sind natürlich begeistert. Auch ein Fischerboot ist noch in unserer Nähe, und der Hirte gesellt sich zu den Fischern. Die Schafe tummeln sich in der Bucht einige Zeit, später kehren sie wieder ins Landesinnere zurück.

 

Inzwischen ist auch unser Picknick fertig geworden. Es gibt Fischsuppe mit Teigwaren, dazu Brot mit Kürbisparfait, ein paar Apfelschnitze und zum Dessert Tee und Kekse. Langsam heisst es dann zusammenräumen und zurückzufahren, denn es liegt noch ein weiter Weg vor uns und der Tag neigt sich langsam seinem Ende entgegen.

 

Am nächsten Tag heisst es dann bereits wieder Abschied nehmen von diesem herrlichen Ort. Das ist der grosse Nachteil, wenn man im Voraus alles so genau festlegen muss. Man kann nicht einfach nach Lust und Laune mal länger bleiben oder mal was anderes machen, man ist gebunden. Vielleicht hätten wir es zwar hingekriegt, den Inselaufenthalt auf Kosten der Mongolei zu verlängern, doch unser Visa läuft ebenfalls genau an dem Tage aus, an dem wir plangemäss Russland verlassen sollten. Und da es hier auf Olchon weder ein Telefon noch Strom oder sonst was gibt, besteht auch keine Chance, irgendetwas zu arrangieren.

 

Zusammen mit 4 anderen Touristen fuhren wir mit einem Minibus von Nikita nach Irkutsk zurück. Diesmal funktionierte sogar die Fähre und es gab keine Zwischenfälle. Ab und zu machten wir mal eine Rast und konnten uns am Mittag auch in einer kleinen Raststätte verpflegen. Etwas mehr Mühe bereitete es uns, zu unserer Gastfamilie zu kommen. Normalerweise hätten wir mit dem regulären Bus zurückfahren sollen. Doch dieser hatte genau in dieser Woche den Fahrplan geändert und fuhr an diesem Tag gar nicht. So klappte es nicht mit dem Transfer und wir gingen auf eigene Faust zum Haus der Gastfamilie. Sie waren ziemlich überrascht, uns hier zu sehen, denn als sie uns abholen wollten, hiess es, heute komme ja gar kein Bus aus Olchon an. Na ja, nun waren wir ja da und konnten uns wohnlich einrichten. In Irkutsk wollen wir nun noch alle möglichen Dinge erledigen, bevor wir unsere nächste Etappe in die Mongolei starten werden.

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