Wir fuhren mit dem Minibus hoch bis oben an den Damm, in die Nähe des Schiffshebewerkes. Seit der Angst vor Terroristen kann man das Werk nicht mehr von innen besichtigen, aber es ist auch so schon recht eindrücklich. Der entstandene Stausee bietet den Krasnojarskern ein willkommenes Ausflugsziel in der Natur. Am Wochenende sind seine Ufer von unzähligen Campern gesäumt, es gibt viele Ferienhäuser, und mit dem Schiff oder zu Fuss kann man auch noch viele verborgene Buchten erreichen.
Nach einem kleinen Spaziergang fuhren wir zurück nach Divnogorsk, wo wir Mutigen vier den Wagen verliessen, um zu versuchen, mit dem Schiff auf dem Jenissei zurückzufahren. Anatoly fragte die Einheimischen zum dritten Mal ob sie heute ein Schiff gesehen hätten, und nach der positiven Antwort checkten wir für den Notfall noch unsere Handyverbindung, dann fuhr er mit dem Rest der Gruppe und dem Minibus weg.
Unsere Kinder freuten sich ob der Elektroautos die man hier für ein paar Rubel benutzen darf, so ging die Wartezeit rasch vorbei. Für 16 Uhr war das Schiff angekündigt, und wir waren recht verwundert, also wir schon eine halbe Stunde früher eines kommen sahen. Auf dieser Strecke verkehren auch die sogenannten „Raketas“, das sind Schnellboote, und die hier sind im Stande zum Anlegen ans Land zu fahren. Das Raketa manövriert sich also an den Strand und jene Menge Leute steigen aus, aber niemand darf einsteigen. Er nehme keine Passagiere mit, sagte der Kapitän! Na das wollen wir ja mal sehen, dachte ich, denn das ganze Ufer war inzwischen voller Menschen die zurück nach Krasnojarsk wollten.
Einige Zeit später erfuhren wir, dass anscheinend ein zweites Boot unterwegs hierher sei, welches dann auch wieder zurückfahre. Wer’s glaubt wird seelig, aber irgendwie wird es schon gehen. Irgendwie geht es immer in Russland, wenn die Dinge oft auch nicht planbar oder voraussehbar sind. Für jedes Problem gibt es eine Lösung, man muss nur abwarten und am besten einen „Tschai“, den russischen Tee, trinken. Diesen gab es hier am Strand natürlich nicht, dafür hatten unsere Kinder mit anderen Kindern jede Menge Spass am Flussufer und hoben Steine raus und bauten Türme. Es erstaunt mich jedes Mal selbst, wie schnell sie aus einer Situation das beste machen. Ganz ohne Spielzeug und ohne zu murren finden sie sich innert Kürze zurecht und kreiren selbst irgendein Spiel das ihnen gerade in den Sinn kommt, das ist wirklich genial und gar nicht so selbstverständlich, kommen sie doch aus einer Welt des Überflusses und haben zuhause selbst jede Menge Dinge. Aber sie haben es zum Glück nicht verlernt, sich an einem Käfer zu erfreuen oder einfach mit den blossen Händen und irgendwelchen Ästen und Steinen zu spielen.
Die Leute ringsum werden langsam nervös und fragen sich, ob sie wirklich noch nach Krasnojarsk kommen mit dem Schiff. Da sehe ich weit weg am Horizont einen kleinen Punkt: es ist unser Schiff das langsam näher kommt!
Und tatsächlich, genau das gleiche Raketa wie jenes das schon hier war taucht auf. Das erste muss vom Strand wegfahren um dem zweiten Platz zu machen, wieder das gleiche Manöver, wieder steigen viele Leute aus. Diesmal dürfen wir aber zum Glück auch einsteigen. Das Boot ist klein, aber gemütlich, und was uns auffällt sind die nigelnagelneuen Schwimmwesten die in grosser Anzahl zum Greifen bereit sind. Nach dem schlimmen Schiffsunglück auf der Wolga vor einigen Wochen ordnete der Präsident an, sämtliche Passagierschiffe zu überprüfen, was uns jetzt zu gute kommt. Etwas mulmig ist das Gefühl trotzdem, aber schon bald weicht es der Freude über die Fahrt und die schöne Aussicht!