Baikal & Altai
2012

Unsere diesjährige Reise nach Sibirien hat zum Ziel, mehr über die uralten Volksgruppen und Traditionen zu erfahren, welche die Region Baikalien und Altai seit Urzeiten besiedeln. So starten wir denn auch mit einer Marathon-ähnlichen Anreise direkt von Emmenbrücke zu einem winzigen Fischerdörfchen am Baikalsee.

Reiseroute

DO 26.07.2012 13:40 - 08:45+ Flug Zürich - Moskau - Irkutsk mit Aeroflot  
FR 27.07.2012 08:45 Ankunft in Irkutsk. Abholung vom Flughafen, Transfer ins Hotel zum Ausruhen. Am Nachmittag Schifffahrt über den Baikalsee nach Bolshie Koty.  
SA 28.07.2012   Aufenthalt in Bolshie Koty am Baikalsee  
SO 29.07.2012 18:00 Ganzer Tag in Bolshie Koty. Am Abend Rückfahrt mit dem Schiff nach Listwjanka.  
MO 30.07.2012   Besuch im Freilichtmuseum Talzy. Rückfahrt nach Irkutsk. Transfer zum Bahnhof und Abfahrt mit dem Zug nach Taischet.  
DI 31.07.2012 08:10 Ankunft bei unserem Freund Igor in Taischet.  
MI 01.08.2012 Taischet  
DO 02.08.2012 21:45 Taischet. Abends Abfahrt mit dem Zug nach Novosibirsk.  
FR 03.08.2012 16:12 Ankunft in Novosibirsk. Transfer zur Gastfamilie.  
SA 04.08.2012 20:46 Tag zur freien Verfügung in Novosibirsk. Abends Fahrt mit dem Nachtzug nach Biysk.  
SO 05.08.2012 06:23 Ankunft in Biysk. Treffen mit unserem Altai-Team und Start der Altai-Rundreise.  
MO-SA 06.-11.08.2012   Rundreise durch den Altai.  
SO 12.08.2012 06:50 Ankunft in Novosibirsk mit dem Nachtzug aus Biysk. Transfer zur Gastfamilie. Tag zur freien Verfügung.  
MO 13.08.2012 Ausflug nach Akademgorodok, der Stadt der Wissenschaftler.  
DI 14.08.2012 Rückflug in die Schweiz  

Der Aeroflot-Flieger brachte uns sicher nach Moskau. Hier änderte allerdings kurzfristig der Flug nach Irkutsk und wir mussten mit Orenair, einer Tochtergesellschaft der Aeroflot welche deren alte Maschinen übernommen hat, weiterreisen.

Auf dem Moskauer Sherementjevo Airport herrschte das gewohnte Gewühl, daran hat die noch im Gang befindliche Modernisierung nichts geändert. Erstaunlicherweise ging aber die Einreise viel schneller als auch schon, und kaum war die Personenkontrolle abgeschlossen, wartete tatsächlich schon unser Gepäck auf dem richtigen Förderband, ein wahres Wunder. Weil man die ganze Einreiseprozedur in Moskau machen muss, wird ein erneutes Einchecken für den Weiterflug nötig. Die Warteschlange war sehr lang, und als wir endlich die Sicherheitskontrolle hinter uns gebracht hatten und am vermeintlich richtigen Gate standen, wusste dort niemand Bescheid über unseren Flug. Das Gate wurde im letzten Augenblick wieder geändert und wir hetzten durch die Menschenmassen, um dann zu erfahren, dass der Flug mit 45 Minuten Verspätung starten werde. Statt einem neuen Aeroflot-Flieger sassen wir in einer uralten Boeing und hofften dass die wohl bewährten 30 Jahre oder auch mehr noch ein wenig länger halten und wir sicher nach Irkutsk kommen.

Der Flug verlief ruhig, und wenn der Schlafmangel nicht gewesen wäre auch ganz angenehm, von den unbequemen Sitzen und dem jungen noch unerfahrenen Personal der Orenair einmal abgesehen. Die Kinder schliefen schnell ein, für uns Eltern war es aber eine unbequeme Tortur bis wir die 5 h 10 Min. hinter uns hatten.

Auf unserem Flugticket stand die Bemerkung „Marketing-Flight“. Am Flughafen Irkutsk erwartete uns bei strahlend Sonnenschein eine ganze Schar Fotografen, und unser Flugzeug samt uns Passagieren wird extra noch einmal zurückgeschoben um die richtige Position für die Aufnahme zu haben. Wahrscheinlich war dies das erste Mal, dass Orenair von Moskau nach Irkutsk flog! Leider fehlte aber der rote Teppich beim Aussteigen… ;-)

Als wir uns etwas erholt hatten, brachte uns der Transfer-Fahrer zum Hafen am Angara-Fluss. Die Angara ist der einzige Abfluss aus dem Baikalsee, alle anderen 336 Flüsse und Flüsschen fliessen in den See hinein. Auf der Angara verkehren Personenschiffe zum schönen Baikalsee.

Bei herrlichem Sonnenschein und ruhigem Wasser fahren wir mit dem Schnellboot eineinhalb Stunden lang von Irkutsk via Listwjanka ins alte Goldgräberdörfchen Bolshie Koty. Hier ist es viel ruhiger als im Ferienort Listwjanka, das mit dem Auto erreicht werden kann. Nach Bolshie Koty kommt man nur mit dem Schiff oder zu Fuss. Trotzdem sind wir überrascht, dass die meisten Passagiere auch bis hierher kommen. Eine richtige Karawane bildet sich beim Aussteigen aus dem Schiff!

Wir wohnen in einem gemütlichen kleinen Gästehaus. Von unseren Zimmern geniessen wir die Aussicht auf den herrlichen Baikalsee. Die Köchin bereitet für die paar Gäste das beste Essen welches wir überhaupt je in Russland hatten und die Kinder vergnügen sich mit der kleinen Tochter draussen im Sand und im Garten.

So nicht!

Der See ist nur 1 Minute vom Gästehaus entfernt und wir verbringen viele Stunden an seinen Ufern. Was mich jedoch sehr stört und nachdenklich stimmt, sind die vielen Abfälle welche die Touristen hinterlassen. Petflaschen im See, Vodka- und andere Flaschen am Ufer. Wir starten eine kleine Aufräumaktion um wenigstens vorläufig etwas zu verbessern. Wie soll das bloss weitergehen? Soll ich überhaupt noch unsere Kunden hierherschicken, oder sollte man lieber fernbleiben um nicht noch mehr zu zerstören?- Doch, ich denke wir sollten hinfahren und mit unserem Schweizer Know-How helfen etwas zu verbessern.

In meinem Kopf reifen Ideen für Umweltprojekte, und einige sind auch schon zu Papier gebracht. Es darf einfach nicht sein, dass der Brunnen unseres Planeten in Schutt und Asche untergeht! Ich möchte auch meinen Enkelkindern noch diesen herrlichen Ort in seiner ursprünglichen Form zeigen können, als heiliges Meer wie es seit Jahrtausenden besteht! Wenn jemand ebenfalls Ideen zum Schutz des Baikalsees hat, dann meldet Euch bitte bei uns!

 

Zum Fotoalbum Bolshie Koty

Der Zug Nr. 77 bringt uns wohlbehalten nach Novosibirsk, der Hauptstadt Westsibiriens. Die Wirtschaftsmetropole wurde erst um 1900 anlässlich des Bau's der Transsibirischen Eisenbahn gegründet. In nur knapp 60 Jahren erreichte die Bevölkerungszahl bereits eine Million Einwohner und schaffte dadurch den Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde. 

 

Bekanntestes Bauwerk ist sicherlich der pompöse Bahnhof in schillernd grüner Farbe und der Form eine Lokomotive. Das Grün steht für "freie Fahrt" für die unzähligen Züge die hier verkehren. Interessant ist denn auch das Museum der Transsibirischen Eisenbahn, welches nur nach Anmeldung besucht werden kann. Im Museum findet man historische Erinnerungen aus der Geschichte der Transsib, zum Beispiel die erste Fahrkarte welche aus Metall gefertigt wurde und nach der Fahrt wieder zurückgegeben werden musste.

 

Wir haben uns entschieden, in einem gepflegten Vorort 30 km ausserhalb der Stadt zu wohnen. Hier hat unsere Gastmutter Alla vor kurzem mit ihrem Sohn ein prachtvolles Haus bezogen, in dem es sich viel angenehmer lebt als in der sommerlichen Hitze der Stadt. Das Haus ist in einem Kiefernwald gelegen, und nach einem kurzen Spaziergang erreichen wir einen der bekanntesten Ströme Russlands, den Ob.

 

Alla verwöhnt uns wie Könige und die Kinder geniessen es, ums Haus rumzuspringen. Es ist auch interessant einmal zu sehen, wie die wohlhabenden Russen leben, und obwohl wir ja Fan von den alten Holzhäusern sind, gefällt es uns auch ganz gut einmal den Komfort der Neuzeit zu geniessen.

 

Eine tolle Attraktion ist der Novosibirsker Zoo - wenn man ihn auch nicht unbedingt gleich an einem sonnigen Sonntag besuchen sollte wie wir das taten. Aber wir sind Menschenmassen ja gewohnt, und der Zoo ist so riesig, dass sich alles gut verteilt.

 

Der Zoo gehört zu den grössten der Welt und beherbergt mehrere Tausend Tiere, vor allem Raubkatzen, Raubvögel, Bären, Fische und kleinere Säugetiere. Berühmteste Bewohner sind die Eisbären und der sogenannte Liger - eine Kreuzung aus Löwe und Tiger und somit die grösste Raubkatze der Welt. Die Eisbären unterhalten das Publikum, und für die Kinder stehen unzählige Attraktionen wie Prinzessinen-Kutsche, Dino Park, Hüpfburgen und so weiter bereit, so dass man wirklich viel Zeit haben sollte, um all das in Ruhe zu geniessen. Uns bleibt nicht sehr viel Zeit, denn wir wollen mit dem Nachtzug in die Altai-Republik fahren, aber dennoch verbringen wir einige schöne Stunden im Zoo.

Youri bringt uns am Abend zum Irkutsker-Bahnhof und dank seiner Kenntnisse stehen wir schon am richtigen Bahnsteig bevor der Zug auf der Tafel angeschrieben wird. Wir fahren um 20:50 lokaler Zeit mit dem Zug Nr. 87 von Irkutsk nach Taischet. Dieser Lokalzug hat noch keine Klimaanlage, und auch die Lüftung ist nicht eingeschaltet, und es ist unendlich heiss im Abteil. Zum Glück kann man im Gang die Fensterchen kippen, so dass bei der Fahrt ein wenig Luft hineinströmt. Die Fahrt ist eigentlich ganz angenehm, doch wir müssen früh wieder aufstehen weil wir bereits um 08:39 lokaler Zeit in Taischet ankommen werden.

 

Hier erwartet uns unser langjähriger Freund Igor am Bahnhof und bringt uns mit 2 kleinen Lada-Taxis zu sich nach Hause. Vor einigen Jahren hat er ein uraltes Holzhaus am Stadtrand von Taischet gekauft, welches er zusammen mit seiner Frau Lena und seinem jüngsten Sohn Andrej bewohnt.

 

Ich bin ganz erstaunt, dass es am Bahnhof von Taischet einen ATM-Bankomaten gibt, aber noch mehr erstaunt mich dass es in Igors Haus sogar eine Toilette hat! Bisher kannten wir die Holzhäuser nur mit Toilette im Freien. Die Toilette im Haus ist auf jeden Fall ein wünschenswerter Luxus, aber sonst bin ich sehr betrübt dass viele alte Holzhäuser zerfallen oder abgerissen werden, oder das die schönen Holzfassaden durch schreckliche Metallwände ersetzt werden, die jetzt zwar noch in neuem farbigen Glanz erstrahlen, aber wohl schon bald eine Rostlaube darstellen werden. Aber die jungen Leute eifern dem Westen nach und wünschen sich automatische Garagentore und sonstigen Luxus in der Hoffnung, damit glücklich zu werden. Sie haben noch nicht gemerkt, dass sie das wahre Glück eigentlich schon haben, wenn es auch eine Menge Arbeit gibt.

Wir haben dieses Glück bei Georgi zuhause gefunden: ein wunderbar altes Holzhaus mit einem richtigen Innenhof und Nebengebäude, einer eigenen Hühner- und Entenzucht, zwei Jagdhunden, und einem mindestens 300 m2 grossen Gemüsegarten in dem alles wächst was man sich denken kann: alle Sorten von Johannisbeeren, Himbeeren, verschiedene blaue Beeren, Kartoffeln, Kohl, Tomaten, Gurken, Zucchini, Erbsen, Dill und so weiter. Georgi ist sehr naturverbunden und weiss genau, mit welchem Kraut man welche Krankheit heilen kann, und was man tun muss um sie gar nicht erst zu bekommen. Als Museumsdirektor verdient er kein Vermögen, doch das ist auch gar nicht nötig weil sein Landstück alles gibt was es zum Leben braucht. Wir können sogar hören, wie ein Kücken dass wohl in 3 Tagen schlüpft, in seinem Ei drin piept!!

Der Garten gibt viel Arbeit, aber der Lohn dafür ist das gesündeste und beste Essen das der Mensch braucht. Für den Winter muss Holz gekauft werden, zwei LKW Ladungen voll müssen es sein, Preis rund 200 €. Dieses Holz muss gespalten und gestapelt werden, und vor vielen Häusern sieht man diese riesigen Holzhaufen die auf die Verarbeitung warten. Bei Igor und Lena lernen wir vieles über das sibirische Leben. Ganz begeistert bin ich von der Herstellung der Wareniki, das ist eine Marmelade die man nicht einkocht! Man nimmt dazu frische Johannisbeeren, lässt sie durch den Fleischwolf und gibt dann 3 x soviel Zucker wie Beeren dazu. Die Mischung lässt man über Nacht stehen und füllt sie anschliessend in Gläser. Diese müssen im Kühlschrank aufbewahrt werden (oder in Sibirien im Keller im Permafrostboden der immer 4°C hat). Wichtig ist bei allem Gemüse und Beeren, dass die Zeit zwischen der Ernte und dem Einmachen nicht mehr als 15 Minuten vergeht, nur dann bleibt die ganze Kraft der Vitamine erhalten. Das ist das Geheimnis der Stärke der Sibirier!