(13. Juli 2006)

 

Wladivostok ist das schönste Ende der Welt. Dies behaupten wir, nachdem wir Jahre zuvor gedacht hatten, dieses liege in Kapstadt in Südafrika. Das stimmt nicht. Wladivostok ist viel schöner und angenehmer und wir wollen versuchen, Euch das zu beweisen.

 

Gut, die letzte Zugfahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn im legendären Rossja-Express ist nicht gerade das Wahre. Wir haben gewusst, dass man nie einen Zug nehmen soll, der von weit her kommt und zu Leuten im Abteil sitzen, die schon sechs Tage keine Dusche mehr gesehen haben. Trotzdem wollen wir einmal mit diesem berühmten Zug fahren und trotzen allen Widrigkeiten. Unglücklich ist nur, dass es gerade auch noch so heiss ist und die Luft im Zug wirklich mit dem Messer durchschnitten werden kann. Und nach all den Kilometern, die wir in den letzten Jahren schon mit der Transsib zurückgelegt haben, bekommen wir dieses Mal nicht gerade die interessantesten Abteilkameraden - gelinde ausgedrückt. Wir teilen das 2. Klasse-Abteil mit zwei Typen, die dann schlafen, wenn wir wach sind, und dann Essen und Rascheln, wenn wir schlafen möchten. Doch es ist nur eine Nacht und wir werden auch das überstehen.

Der Zug fährt am Abend aus Chabarovsk ab und die Strecke bis zum Eindunkeln ist nicht sonderlich interessant. Einzig der Aufenthalt am Bahnhof von Wjasemskaja bringt etwas Abwechslung. Hier bieten scharenweise Verkäufer Kaviar in rauen Mengen an - zu Preisen, die einen Bruchteil dessen ausmachen, was man dafür in Europa bezahlen muss. Doch der Weg nach Europa ist immerhin sehr weit und ich habe keine Lust, eine Büchse Kaviar in der grössten Hitze stundenlang im Abteil aufzubewahren.

 

Als wir am nächsten Morgen erwachen, ist doch das Wetter tatsächlich schon wieder miserabel. Wir erreichen den Pazifik bei dickem Nebel. An Fotografieren ist kaum zu denken und unsere Stimmung sinkt. Wieder einmal erreichen wir unser Aufenthaltsort, ohne dass uns strahlend blauer Himmel erwartet. In Wladivostok regnet es sogar, doch wir freuen uns trotzdem, das Ende der Transsibirischen Eisenbahn, einer Strecke von 9288 Kilometern, wohlbehalten erreicht zu haben. Und sogar noch den Umweg mit der BAM gemacht zu haben, was auch noch einige Tausend Kilometer dazu ergibt.

 

Julia holt uns vom Bahnhof ab. Sie ist auf Individualreisende eingestellt und weiss genau, was wir brauchen. So hat sie für uns ein gutes und günstiges Hotel mitten im Stadtzentrum reserviert. Es ist neu renoviert und hübsch gepflegt, einzig die Zimmer sind sehr klein - man könnte fast schon meinen, in Japan zu sein, wo Platz eine Mangelware ist. Fünf Tage werden wir hier bleiben und in dieser Zeit möglichst viel sehen.

 

Das Regenwetter bietet sich bestens an, um das Okenarium zu besuchen, ein Aquarium mit verschiedenen exotischen und einheimischen Fischen. Erstaunlicherweise finden wir und in Wladivostok sofort zurecht, der Pazifik, welcher die Stadt umgibt, hilft, sich nicht verirren zu können. Man ist auf jeder Seite schnell wieder am Meer. Dort gibt es viele Restaurants und Grillstände, einen Fischmarkt und einen Vergnügungspark für die Kleinen, einen Strand und Glaceverkäufer. Wir sind ganz überrascht und müssen uns immer wieder selber ins Bewusstsein rufen, dass wir in Russland und nicht in Amerika sind. Die Stadt hat eigentlich überhaupt nichts russisches an sich. Man sagt auch, es sei eine europäische Stadt und Tor zu Asien.

 

Wladivostok wurde erst vor rund 150 Jahren gegründet und entwickelte sich rasch zu einem bedeutenden Wirtschafts- und Politzenter an der Grenze zu China, Korea und Japan. Es ist verkehrstechnisch ideal gelegen, beheimatet die Russische Pazifikflotte und ist Endstation der Transsibirischen Eisenbahn. Da ist klar, dass auch der Handelshafen eine wichtige Rolle im Gütertransport übernimmt. Heute, wo die Glanzzeiten der Pazifikflotte vorüber sind, lebt die Stadt vor allem vom Autohandel. Tausende Fahrzeuge gelangen über den Seeweg von Japan nach Wladivostok und werden nach ganz Russland verteilt. Japanische Fahrzeuge sind heute schon fast ein Muss und es stört dabei auch nicht, dass sie das Lenkrad auf der rechten Seite haben. Der Hafen bleibt auch im Winter in Betrieb und wird mit Eisbrechern freigehalten.

 

Bis 1990 war Wladivostok eine geschlossene Stadt. Es durften keine Ausländer hier herkommen. In den letzten 16 Jahren hat sich der Tourismus aber stark entwickelt und heute ist es beliebtes Reiseziel von Koreanern, Chinesen und Japanern. Europäer sind selten, Europa ist zu weit weg. Das ist etwas schade, denn seine einmalige Lage und das angenehme Meeresklima machen es wirklich zu einem tollen Ende einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn - im Sommer könnte man sogar Badeferien anschliessen!

 

Im Moment ist baden allerdings nicht angesagt und auch am zweiten Tag regnet es. Doch es gibt genügend Museen, um sich trotzdem die Zeit zu vertreiben. Wir fahren mit Julia's Schwester zum Fort Nr. 7. Dies ist eine Festungsanlage, die vor rund Hundert Jahren zur Verteidigung der Amursky-Bucht erbaut wurde und auf der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat. In ganz Vladivostok gibt es unzählige Festungen, die die Bevölkerung vor den Japanern schützen sollten, die aber Wladivostok gar nie erreichten. Fort Nr. 7 besteht hauptsächlich aus nassen unterirdischen Gängen, durch die das Laufen ein Abenteuer ist. Dies ist einer der wenigen Ausflüge, der Anja nicht gerade begeistert... In der Festung hat es nur 14°C, da erscheint uns das neblige Wetter ausserhalb direkt tropisch.

 

Am Abend spazieren wir zum Hafen. Daheim hat man so alles mögliche von Wladivostok gehört. Von der Mafia, von kriminellen Banden, und so weiter. Nun sind wir am Hafen und stellen fest, dass es hier viel sicherer ist als in jeder südeuropäischen Stadt. Nein, sogar sicherer als in Schweizer Städten. Kein einziger Mensch behelligt einem, keiner sieht unheimlich aus. Kein Seeräuber in Sicht, auch keine Mafia (was sollten die auch schon von uns wollen??). Jeden Abend gehen wir auswärts essen, immer kommen wir unbehelligt heim. Wir wagen sogar, die Kameras offen zu tragen. Nur einmal stossen wir auf einen wirklich interessanten Hinterhof und ein noch interessanteres Internetkaffee. So wie es aussieht, kennen wir das eigentlich nur aus irgendwelchen Actionthrillern. Im Hinterhof liegt ein grosser Haufen Müll, die Fassaden des Hauses bröckeln, auf dem Balkon wächst ein Baum. Zum Internetcafé führt eine Treppe in einen Keller herunter. Dort sitzen etwa 20 Jugendliche an PC's und spielen die neusten 3D-Spiele gegeneinander. Was sie sonst noch so alles tun, können wir nur vermuten. Auf jeden Fall gelingt es uns nicht, unsere Reiseberichte hochzuladen, sondern unsere Links werden sofort auf die russische Game-Seite umgeleitet... Nach etlichen Versuchen lassen wir es bleiben, bevor noch unsere gesamte Homepage einem Virus zum Opfer fällt....

 

Auch die Restaurants, die wir besuchen, haben ausländisches Flair. Einmal essen wir französisch, ein anderes Mal amerikanisch. Und einmal - das gefällt uns gar nicht, enden wir in einem Nobelrestaurant im englischen Stil. Das Beste ist das Korea House. Warum es so heisst, wissen wir eigentlich bis heute nicht. Es ist durch und durch im japanischen Stil mit Holz und Papierwänden erbaut und auch die Speisekarte ist bis auf eine einzige koreanische Seite japanisch. Was wir dort bekommen, ist einfach genial und den Preis wert.

 

Am dritten Tag scheint endlich die Sonne. Frühmorgens nehmen wir ein Taxi und fahren zum schönsten Aussichtspunkt der Stadt, zum Eagle's Nest. Der Blick ist wahrlich atemberaubend. Man sieht den ganzen Hafen von oben, mit seinem Arm namens Golden Horn (gleich wie in Istanbul!). Man sieht die umliegenden Inseln, die Kriegsschiffe und das berühmte Schulschiff Pallada, welches während der Hälfte des Jahres immer noch alle sieben Weltmeere besegelt. Lange geniessen wir die wunderbare Aussicht.

 

Anstatt den ganzen Hügel wieder herunterzulaufen (Wladivostok ist auf sieben Hügeln erbaut), nehmen wir die Standseilbahn. Sie ist die einzige in ganz Russland und legt gerade einmal eine Strecke von 180 Metern zurück. Dabei überwindet sie ein paar Höhenmeter und ist eine interessante Attraktion.

Wir besuchen das Museum der Pazifikflotte. Hier gibt es eine eindrückliche, schauderliche Sammlung von Beute aus dem 2. Weltkrieg, welche den Deutschen abgenommen wurde. So auch eine etwas zerlöcherte Hitler-Fahne oder Schuhe von Kriegsgefangenen. Das Museum ist gut gemacht und es gibt auch schönere Dinge zu sehen, wie z. B. Souvenirs aus allen Herren Länder, wo die Schiffe angelegt haben.

 

Dann sind wir wieder am Meer. An der Bucht des Goldenen Horns, auf einer Schotterstrasse in Hinterhofmanie. Doch auch hier finden wir keine Kriminiellen. Wir können Fotografieren, soviel wir wollen. Etwas weiter vorne gelangen wir zur Ablegestelle der Fährschiffe. Hier herrscht viel Betrieb und Touristen mischen sich mit Hafenarbeitern und alle zusammen stehen Schlange an den kleinen Imbissbuden.

 

Die Ufer-Promenade ist sehr gepflegt und sauber. Direkt neben dem Fährhafen befindet sich das U-Boot S-56. Heute beherbergt es ein Museum, im 2. Weltkrieg versenkte es zehn feindliche Schiffe und wurde von Hitler zum persönlichen Feind erklärt, für deren Abschuss eine Sonderprämie lockte. Auf dem Platz neben dem U-Boot brennt eine ewige Flamme und die orthodoxe St. Nikole Kirche dahinter erinnert an die Seemänner, welche dem Russisch-Japanischen Krieg von 1905 zum Opfer fielen. Einmalig ist auch das Hauptquartier der Pazifikflotte. Bis auf wenige Meter kann man zu den Kriegsschiffen spazieren und den Matrosen bei der Arbeit zusehen.

 

An unserem letzten Tag in Wladivostok begeben wir uns doch auch noch auf's Meer. Zwar nicht sehr weit, doch immerhin auf eine 80minütige Rundfahrt zur Insel Russki. Wir nehmen dazu die Autofähre (die einzige Möglichkeit). Sie bietet für wenig Geld den besten Ausblick auf den Hafen und die Inselwelt. Das Wasser ist wunderbar klar, die Inseln herrlich bewaldet. Am liebsten hätten wir eine Jacht und würden hier tagelang herumkurven... es ist einfach paradiesisch! Die Fähre fährt durch einen Kanal, sämtliche Leute der Insel kommen zur Anlegestelle. Russki war früher auch gesperrt und ein Militärgebiet, heute ist es eine beliebte Badeinsel und man könnte sogar über Nacht bleiben. Sowas werden wir sicher ein andermal tun und gleich länger bleiben, doch nun müssen wir wieder zurück. Es gilt, die Rucksäcke und Taschen zu packen und an die Heimreise zu denken.

 

Am nächsten Tag, dem 30. Juni ist es soweit. Unser Transferfahrer bringt uns in einer einstündigen Fahrt zum Flughafen. Dieser ist zwar etwas grösser als der in Nischneangarsk, aber es geht dennoch auch recht chaotisch zu und her. Wir bekommen Tickets von Vladivostok Airlines und ich sehe auch nur deren Flugzeuge, weit und breit nichts von Aeroflot. Mir wird schon ganz mulmig zumute und wir sind alleine, denn Julia musste wieder zurück.

 

Nach einiger Zeit ruft eine Bodenmitarbeiterin doch den Flug mit der Aeroflot auf. Ich bin extrem erleichtert. Der Bus bringt uns über den doch gar nicht so kleinen Flughafen zur neuen und gepflegten Boeing der Aeroflot. Der Service ist sehr gut und in Kürze bekommen wir auch das Babybettchen, in welchem Anja fast den ganzen Flug über seelig schläft.

 

In Moskau müssen wir den Flughafen wechseln. Von Sheremetyevo 1, dem Inlandflughafen, nach Sheremetyevo 2. Die fünf Stunden Aufenthalt sind bald verbraucht, da es zuerst wieder ewig lange dauert, bis wir unser Gepäck haben und danach, bis wir überhaupt einchecken können. Genial ist aber auch hier, dass wir mit einem Baby reisen - deshalb verzichtet die Dame vom Aeroflot darauf, den Kinderwagen mit 15 Kg Gepäck und unsere 20 Kg Handgepäck dazuzuzählen und ganz wider Erwarten müssen wir keinen Rappen Aufpreis für das Übergewicht bezahlen! Und dank Kinderwagen werden wir am Zoll als VIP abgefertigt und können die riesige Menschenschlange umgehen! Nun sind wir doch schon todmüde, die Zeitverschiebung zu Wladivostok beträgt 7 Stunden, der 9stündige Flug zählt gar nicht. Wir kommen früher an, als wir abgeflogen sind!

 

Auch auf dem Flug nach Zürich klappt alles bestens. Wir haben wieder ein Babybett und beneiden Anja, die seelig schläft, während wir unsere Augen kaum mehr offen halten können. Das erste Mal sind wir glücklich, in Zürich angekommen zu sein. Leidig ist nur wieder einmal die Bahnfahrt, denn es gibt keine Direktzüge mehr nach Luzern. Also am Zürich Hauptbahnhof wieder umsteigen, dann mit dem Regio-Express nach Luzern wo wir um Mitternacht ankommen. Schon folgt die nächste Aufregung: es gibt kein einziges Taxi, weil die Stadt wegen der Fussball-WM gesperrt ist!!! Da stehen wir mit 67 Kilo Gepäck und Anja und kommen nicht weiter!!! Wir rufen überall an und nach einer Leidenszeit von einer Dreiviertelstunde schafft es einer endlich, bis zu uns durchzudringen und uns für eine Gebühr von CHF 45.- nach Hause zu fahren (für 4 Kilometer!!). Nach dreissig Stunden ohne Schlaf und einer Reise von Tausenden von Kilometern küssen wir wirklich den Boden unserer Wohnung und fallen todmüde ins Bett. Wir haben es geschafft. Wladivostok mit dem Baby erreicht und nun wieder wohlbehalten zu hause. Nun gibt es viel aufzuarbeiten und wir hoffen, dass uns viele auf dieser tollen Route folgen werden, die sich wirklich zu bereisen lohnt....