An unserem letzten Tag in St. Petersburg brachte uns der äusserst freundliche Transferfahrer zum weit ausserhalb des Stadtzentrums gelegenen Ladovskaya Bahnhof. Eigentlich fahren von hier hauptsächlich die Züge Richtung Norden und nach Finnland, doch auch einige Züge nach Jekaterinenburg starten vom kleinen, modernen Bahnhof. Für uns ist das sehr praktisch. Wir deponieren das Gepäck bei der „Kamera krani“, der Gepäckaufbewahrung, und fahren mit der Metro wieder zurück ins Zentrum.

 

Viel Zeit bleibt uns nicht bis wir in den Zug einsteigen müssen, und wir wollen eigentlich kurz das berühmte Zoologische Museum mit dem besterhaltenen Mammut der Welt besuchen. Aber wie das in Russland so ist, ist eben alles weit, und leider schafften wir es nicht, die Strecke mit den Kindern  zurückzulegen. Es ist auch sehr heiss und Anja hat Hunger und mag nicht mehr laufen. Schnell ändern wir die Pläne, schlendern durch hübsche Fussgängerstrassen und begeben uns in ein typisch russisches Restaurant wo man sich die Speisen an einer Theke aussuchen kann. Kartoffelstock, Fleischküchlein, Chinakohl-Salat mit Meeresfrüchten und vieles mehr gelangen alsbald in unsere hungrigen Mägen, und gestärkt für die grosse Reise Richtung Sibirien machen wir uns zurück auf den Weg zum Bahnhof.

Es ist immer wieder verwunderlich wie gut doch alles funktioniert, und wir erhalten auch problemlos unser Gepäck wieder zurück und warten auf die Einfahrt unseres Zuges. Weil wir von einem modernen Bahnhof abfahren, entfällt auch das Koffer-über-Stufen-schleppen und bequem können wir eine Abfahrt hinunter zum Perron fahren.

 

Der Zug Nr. 72, mit welchem wir reisen, besteht aus neuen, modernen Waggons, und die Provodniza emfängt uns mit respektvollem Staunen über unser Reiseziel, das wir mit unseren Kindern erreichen wollen. Nach Sibirien – das ist immer noch etwas sehr „gefährliches“, abenteuerliches, vor allem bekannt durch die Deportation der Hunderttausend Gefangenen in früheren Zeiten. Ferien in Sibirien – das kann man sich hier nicht so recht vorstellen. Wie kommt jemand aus der schönen Schweiz, wo es alles gibt, nur auf so eine verrückte Idee, fragen sich die Leute.

Die Zugverbindung von St. Petersburg nach Jekaterinenburg wurde in den letzten Jahren komplett erneuert und der beliebte Transsib-Zug Nr. 10, der Baikal-Express, auf diese neue Strecke verlegt. Er verkehrt nun nicht mehr via Moskau. In Kürze soll das Stück bis Jekaterinenburg auch vom Hochgeschwindigkeitszug Sapsan erschlossen werden, welcher heute vor allem zwischen Moskau und St. Petersburg verkehrt. Diese Erneuerung beschert uns nun eine wunderbar angenehme Fahrt mit wenig Gerüttel. Sanft gleitet unser Zug in die Weite Russlands hinaus. Mehr als 15 Waggons zieht die Lokomotive mit sich, wir sitzen fast im letzten Waggon des langen Zuges und erhaschen ab und zu einen Blick durch’s Fenster auf die Lok. Unterwegs treffen wir Güterzüge, die bis zu 75 Waggons (!!!) mit sich ziehen.

 

Kaum haben wir die Stadt verlassen, tauchen wir auch schon ein in die liebliche Landschaft des Riesenreiches. Wenig besiedelt tauchen nur ab und zu kleine Dörfchen auf, die meist komplett aus Holzhäuschen bestehen, in denen die Leute auf die Selbstversorgung angewiesen sind. Der Zug hält auch nicht oft, der erste wirklich längere Stopp gibt es erst am kommenden Nachmittag in Kirov, bereits wieder auf der regulären Transsib-Strecke gelegen. Kirov ist für mich allerdings eine herbe Enttäuschung. Hatte ich mich doch so auf das Einkaufen bei den Babuschkas gefreut, die die Reisenden entlang der Transsibirischen Eisenbahn mit Proviant versorgen, sind diese ausgerechnet in Kirov nicht präsent und es stehen nur wenig einladende Kioske mit Getränken und Fertiggerichten wie Nudelsuppen zur Verfügung. So steht es um unser Nachtessen schlecht. Nudelsuppe haben wir selbst noch im Proviant, wie auch ein paar trockene Notrationen, aber das ist natürlich nichts gegen die feinen Piroschki, gefüllte Teigtaschen, oder Fleischküchlein mit Tomaten und Gurken und was wir sonst immer alles entlang der Transsib gegessen hatten. Auch an einer anderen Station die wir während des Tages passierten, bzw. einen 2-Minuten-Stopp einlegten, hatte ich kein Glück. Die einzige Babuschka die bis zu unserem dritthintersten Waggon lief, verkaufte Blaubeeren. Ich hatte nicht das passende Kleingeld und keine Zeit mehr etwas zu organisieren, denn sonst hätte ich womöglich den Zug verpasst.

So fuhren wir unverrichteter Dinge weiter und hofften darauf, im Speisewagen dann wenigstens etwas Köstliches zum Nachtessen zu bekommen. Das ist meist auch so eine Sache: je weiter die Wagen Richtung Sibirien rollen, desto kleiner wird die Auswahl der Speisen, die noch erhältlich sind. Bisher waren diese mühsam zu bestellen, klein und äusserst teuer. Aber man muss halt doch alles mehrmals ausprobieren, und wir hatten auf jeden Fall Glück. Fünf Waggons weiter befand sich der hypermoderne Speisewagen der mit roten Kunstledersitzen und grünen Tüllvorhängen verziert war, und die Speisekarte präsentierte sich sogar mit englischer Übersetzung! Und das wohlverstanden auf einer nicht sehr touristischen Strecke zwischen Petersburg und Jekaterinenburg! Teuer war es natürlich immer noch, das ist bei uns im Speisewagen auch nicht anders, nein sogar viel schlimmer als hier in Russland. Aber die Auswahl war super, und Anja staunte, dass es im Zug eine richtige Küche mit Spülbecken und allem gab, wie bei der Oma zu Hause, meinte sie, als sie der Frau beim Kochen zuschaute.

Aber die absolute Überraschung kam noch etwas später, beim Stopp in Barabinsk, kurz vor acht Uhr abends. Da waren dann die echten Babuschkas da, der Zug stoppte lange genug, und die Leute kauften vom getrockneten Fisch bis zum Badeschwamm alles was das Herz begehrt. Für uns kam das jetzt reichlich spät und wir begnügten uns damit, die Szenerie mit der Kamera festzuhalten, als auf einmal zwei junge Männer aus unserem Waggon bei uns auftauchten und mir einen Becher Blaubeeren in die Hand drückten. Ich schaute sie lange an und fragte, wieviel das kostet, sie meinten, das schenken sie den Kindern weil es mir viele Stunden zuvor nicht gelungen war selbst solche Beeren zu kaufen!!! Ab sofort wurde Russland zum Lieblingsland auch für unseren Sohn Sascha, der bis dahin immer noch vom Heimkehren in die Schweiz redete…!!!

Ja, die Fahrt im Zug Nr. 72 war wirklich sehr angenehm, unsere Provodniza war freundlich, wir kriegten soviel Strom aus der Dose im Gang wie wir wollten und die Kinder konnten sogar auf dem Laptop mal eine DVD anschauen. Alle reisten glücklich und zufrieden, und wären wir nicht in Jekaterinenburg angekommen, würden wir wohl jetzt noch endlos auf diese Weise weiterfahren….!