Der Bahnhof von Krasnojarsk ist angenehm und ruhig, ganz anders als derjenige in Jekaterinenburg wo wir kürzlich fast den Zug verpasst hatten. Trickreich jedoch ist, dass die Züge sowohl nach Perron, wie auch nach Gleis angegeben werden, und die Gleise überhaupt nicht der Reihe nach nummeriert sind. So kann es also auf dem Perron 8 ein Gleis 3 und 7 geben! Auf der Leuchttafel steht dann z. B. Zugnummer

 

Ziel           Ankunft     Abfahrt          Platform (Perron)     Gleis

Irkutsk     09:16        09:36            1                               3

 

Man muss also zweimal schauen, um keinen Fehler zu machen!

 

Unser Zug kommt pünktlich, und wir verabschieden uns von Anatoly, der recht traurig ist, das wir ihn schon wieder verlassen. Er hatte auch grosse Freude an unseren Kindern, die sich wirklich auch immer recht anständig bei den Leuten verhalten.

 

Der Zug ist sehr alt, der älteste den wir bisher hatten. Aber die Nummer 8 ist trotzdem ein wichtiger Zug und verkehrt auf der Strecke zwischen Novosibirsk und Wladiwostok in Abwechslung mit der Nummer 2, aber mit dem gleichen Fahrplan. Der Wagon ist nicht schön, es hat nicht einmal einen Teppich im Gang – was für ein Abstieg!! Keine Blumen und gar nichts. Aber dafür zwei grosse Vorteile: viel die breiteren Betten, die oberen sind sogar etwas zur Wand abgeschrägt, dass man auf keinen Fall herausfallen kann, und auch mit dem höheren Sicherheitsbügel. Dann eine viel weniger starke Klimaanlage, so dass man nicht immer im Durchzug sitzt. Also wichtige Pluspunkte. Die Fahrt verläuft ruhig, der Zug hält selten. Dafür kommen immer wieder Frauen die alles Mögliche im Wagen selbst anbieten: feine Piroschki (Brötchen) mit Kartoffelfüllung, Pizza, Gurken, Tomaten, Souvenirs, Getränke, alles wird einem bis zum Abteil gebracht, so dass einem währschaften Nachtessen nichts mehr im Wege stand.

 

Die Landschaft nach Krasnojarsk ist wunderschön. Ausgedehnte Wälder und farbige Wiesen mit allen möglichen blühenden Blumen, wunderbare Datscha-Siedlungen in denen ein Häuschen schöner als das andere ist und ich mich gar nicht entscheiden könnte, welches ich haben möchte. Stahlblauer Himmel, alles perfekt und wunderbar. Nach neun Uhr abends Lokalzeit hielt unser Zug für nur zwei Minuten in Taischet. Unser Freund Igor hatte uns gesagt, dass er unbedingt zum Bahnhof kommt um uns zu begrüssen. Die Freude war gross ihn und seine Frau nach all den Jahren wieder einmal persönlich zu sehen. Leider konnten wir aus Zeitgründen hier keinen Stopp machen, sondern werden Igor im Oktober in der Schweiz treffen. Seine Frau hatte für uns Nachtessen gekocht und sie brachten uns einen ganzen Sack mit Esswaren, frisch zubereitet und aus dem eigenen Garten. Die beiden haben ein altes Häuschen gekauft das wir natürlich zugern gesehen hätten. Aber das läuft ja nicht weg und diesmal stehen andere Sachen auf unserem Programm.

 

Morgens um 7:30 Lokalzeit kommen wir in Irkutsk an. Die Hauptstadt Ostsibiriens hat uns wieder, und es hat sich nicht wahnsinnig viel verändert seit unserem letzten Besuch. Natürlich gibt es überall neue Geschäfte, Häuser werden renoviert, andere zerfallen, aber Irkutsk ist Irkutsk wie es immer war mit seinen riesigen Löchern in der Strasse und den krummen Tramschienen auf denen vorsintflutliche Trams durch die Gegend rattern, konkurrenziert von steinalten Autobussen bei denen man sich nur wundert dass die überhaupt noch fahren. Auch die Menschen hier sind ein bisschen sonderlich und ich kann das im Moment noch nicht so richtig erklären, aber es fällt uns einfach jedes Mal auf. Komplizierter als anderswo, zurückhaltender vielleicht auch, anders denkend, besorgter, oder vielleicht einfach schon zuviele Touristen gesehen? Ich weiss es nicht. Unser deutschsprechender Guide jedenfalls macht noch einen etwas verschlafenen Eindruck um diese Zeit und nicht zuviele Anstalten sich zu gross anzustrengen mit der Hilfe beim Koffertragen.

 

Das Haus der Gastfamilie bei der wir wohnen liegt mitten im Stadtzentrum. Hier ist das äussere gewohnt grauslich und der Hauseingang wie früher in allen russischen Häusern immer noch stinkig. Auch die Wohnung wirkt um diese Zeit noch etwas düster, dies aber weil noch ein Teil der Familie wie ein anderen Gast am Schlafen sind. Olga ist die Frau eines Physiotherapeuten und um die 50 Jahre alt. Sie hat zwei Töchter im Alter von 25 und 28 Jahren, und eine 3jährige Enkelin. Die 28jährige Tochter mit der Enkelin ist soeben wieder nach Hause gekommen weil sie Probleme mit ihrem Mann hat. In Russland wird sehr früh geheiratet und es gibt auch viele Scheidungen. Wir ruhen uns in unserem Zimmer erst ein wenig aus, bevor unser Partner Youri uns abholt um in sein Büro zu fahren. Dieses Mal nehmen wir den öffentlichen Bus, und fahren von einer Endstation zur nächsten, soweit ist das Geschäft vom Zentrum entfernt. Hier treffen wir auch Olga, welche eng mit uns zusammenarbeitet und freuen uns dass wir uns nun persönlich sehen. Nach dem Lunch gibt uns Youri einen Studenten und ein Auto mit auf den Rückweg damit wir ja nicht verloren gehen! Der arme Student musste uns die ganze Zeit begleiten und mit uns auf Shopping-Tour gehen! Wir mussten auch Proviant und alles Gepäck vorbereiten für unsere Schiffsreise zur Insel Olchon, die für den nächsten Tag angesagt war und hatten alle Hände voll zu tun.