Nach einer kurzen Nacht werden wir von der Zugbegleiterin geweckt und kommen wenig später schon wieder an einem Bahnhof im Nirgendwo an. 60 Kilometer sind es von hier bis nach Turpan, unserem nächsten Reiseziel. Die Bahnlinie konnten Sie nicht bis dorhin bauen, weil die Höhendifferenz zu gross gewesen wäre, so legen wir die Strecke mit unserem neuen Guide Alex und seinem Fahrer zurück.


Turpan ist einer der heissesten Orte der Welt, und das, weil es in der sogenannten Turpan-Senke liegt, nach dem Toten Meer der zweittiefste Ort auf der Welt. Im Sommer wird der Boden 80 Grad heiss und die Luft 47 Grad, heute wir Glück und es sind nur hätten 38 Grad, witzelt Alex. Tatsächlich ist der Temperaturunterschied zwischen Bahnstation und Hotel gewaltig, in Turpan hat man das Gefühl, von einem heissen Föhn angeblasen zu werden.

Leider ist das Hotel Oasis, das wir gebucht hatten, geschlossen worden und man hat uns ins Hotel Tulufan Binguan umgebucht, das verschiedene Bewertungen hat. Meine nenne ich lieber nicht so direkt, auf jeden Fall hätte ich so ein Zimmer keinem zugemutet, aber wir sind inzwischen halt einfach etwas verwöhnt und hatten noch nie ein schmutziges Hotelzimmer gehabt auf dieser Reise. Für die Gesundheit der Kinder ist es recht wichtig, dass wir versuchen alles so sauber wie möglich zu haben, und diesem Kriterium entspricht das Hotel – obwohl nun eines der besten der Stadt – leider nicht. Die Lobby und gewisse Gebäude sind zwar wunderbar mit orientalischen Schnörkeleien verziert und eine hübsche Dame in typisch uygurischer Bekleidung fungiert als Türsteherin, aber das entschädigt alles meine Enttäuschung über das geschlossene Oasis nicht.

Nach einer kurzen Rast machen wir uns mit Alex auf den Weg, um das ausgeklügelte Bewässerunssystem der Stadt kennenzulernen. 5000 Kilometer lang ist das ganze System, das von Hand gegraben wurde und als der grössten Wunderwerke der Menschheit gilt. Man muss sich vorstellen, dass die kochendheisse Turpan Senke links und rechts von Schneebergen begrenzt wird, welche über 3000 Meter hoch sind. Auf einer Strecke von nur 60 Kilometern fällt die Landschaft dann auf minus 154 meter ab. Um das Schneewasser zu sammeln, schufen die Menschen bereits vor 2000 Jahren unterirdische Kanäle, mit denen Sie ihre Gärten bewässern. Im Winter konnten sie nicht graben, weil es zu kalt ist, so mussten sie im Sommer im Gletscherwasser stehen und sich von Hand durch den teilweise harten Stein kämpfen, eine Wahnsinnsleistung! Durch dieses Karez-System wurde die Stadt fruchtbar wie kaum ein anderer Ort der Welt. Durchschnittlich 15 Stunden Sonnenschein und Wärme zusammen mit dem guten Gletscherwasser – das dann in oberirdischen Becken von der Sonne erst noch aufgewärmt und erst dann in die Gärten geleitet wird – lassen Millionen von Trauben gedeihen. Ein grosser Teil davon wird getrocknet als Rosinen in alle Welt exportiert. Obwohl Turpan eine moslemische Stadt ist, wird aber auch Wein erzeugt – der Islam sei erst nach dem Wein gekommen, sagt uns Alex.

In der Stadt gibt es viele Fussgängerzonen, die mit Trauben überdacht sind und das Flanieren zum Erlebnis werden lassen. Generell ist die Stadt sehr grün, und wenn es nicht Trauben sind, dann säumen Maulbeerbäume oder Pappelalleen die Wegen und Strassen. Zum ersten Mal im Leben können wir Maulbeeren probieren und lernen, dass es davon ganz verschiedene Sorten gibt: weisse, rosarote und dunkelrote. Letzere ähneln in Aussehen und Geschmack sehr unseren Brombeeren und sind für unseren Sascha nicht gerade das wahre, denn nach kurzer Zeit sieht er selbst wie ein Maulbeere aus und ist von Kopf bis Fuss dunkelblau! Die weissen hingegen sind richtig praktisch, fein und süss und machen keine Sauerei. Unser Chauffeur pflückt für uns die Delikatesse die wir mit Genuss verzehren.

Die Regierung in Turpan unternahm im Altertum grosse Anstrengungen, die Stadt zu Begrünen. So durften die Leute keine Bäume fällen, sondern sollten neue pflanzen. Wer trotzdem einen Baum fällen wollte, musste für einen kleinen mit einem Huhn bezahlen und für einen grossen mit einem Schaf. Dies führte dazu, dass die Leute wahnsinnig viele Pflanzen ansetzten und ihre Lehmhäuser darunter fast verschwinden.

Wieder zurück in unserem Hotel, finden wir doch noch einen positiven Punkt. Das vom Lonelyplanet empfohlene John’s Information Café liegt direkt hinter unserem Hotel, ebenfalls unter einer Traubenpergola. Hier kann man günstig essen Travellers treffen sich um Informationen auszutauschen.

Erst um sechs Uhr abends trauen wir uns wegen der Hitze wieder aus dem Zimmer, doch es haut uns immer noch fast um. Gegen 40 Grad herrschen jetzt, die wir uns nicht gewohnt sind. Alex und der Fahrer bringen uns zum Emin-Minarett, das komplett aus Lehmziegeln gebaut wurde. Ein Prachtsbau mitten in der Wüste, doch von innen komplett leer, keine Schnörkelein oder Bilder, ganz nach streng islamischen Regeln. Vom Dach der Moschee geniesst man eine wunderbare Aussicht und kann es kaum glauben: vor uns liegt die grüne Oase, dahinter der Sand der Wüste und gleich anschliessend schneebedeckte Berge!! Grün – braun – weiss, eine seltene Kombination!

Am Abend spazieren wir vom Hotel zum People’s Square, dem Platz des Volkes. Die ganze Promenade hat einen Marmorboden und –säulen und ist mit Trauben überdacht, drei Kilometer lang kann man so flanieren und links und rechts davon Tee trinken. Es heisst, dass die Menschen in Turpan eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt hätten, weil sie sich absolut nicht stressen lassen. Kein Wunder, wegen der Hitze können sie sich tagsüber kaum anstrengen, und am Abend gehen sie gemütlich spazieren oder trinken Tee, oder schauen sich das Wasserspektakel auf dem Grossen Platz an, das dem in Las Vegas in absolut nichts nachsteht! Ich weiss nicht genau, wie lang der Brunnen ist, aber 30 oder 50 Meter sind es sicherlich, und die Fontänen schiessen bis zum Dach des naheliegenden Hochhauses hinauf, begleitet von Musik und Feuer, eine einmalige Show! Dies wie gesagt mitten in der heissen Wüste, doch vom Wasserdampf entsteht ein angenehmes Klima!

Wir spazieren gemütlich wieder zurück und machen unsere Sachen für die morgige Abfahrt nach Ürümqi parat, unserer letzten Station auf der legendären Seidenstrasse.