(12. Juni 2006)

 

Leider kam Anja’s Fieber wohl doch nicht einfach vom schlechten Schoppen, sondern unsere erste Vermutung mit zuviel Sonne traf wohl eher zu. Am nächsten Morgen hatte sie schon wieder 38.2 Grad und wir begannen uns langsam Sorgen zu machen. Mit Fieberzäpfchen konnten wir im Moment dafür sorgen, dass es nicht weiter anstieg. Hier bleiben wollten wir auf keinen Fall, denn bei dieser Hitze würde es sicher nicht besser gehen. Unsere einzige Hoffnung war, so schnell wie möglich in den klimatisierten Zug nach Taischet zu steigen und sich so wieder etwas zu erholen.

 

Die 15 Minuten, welche wir zum Bahnhof laufen mussten, waren schlimm, die Hitze unerträglich. Anja schrie wie am Spiess, ich nahm sie auf den Arm, doch dann konnten wir das viele Gepäck kaum mehr tragen... das war einer der Momente, wo man sich am liebsten woanders wünscht und sich fragt, warum man sich das antut! Doch irgendwann erreichten auch wir den Bahnhof und in der angenehm kühlen Halle ging es allen sofort besser.

 

Um 18.08 Uhr nach lokaler Zeit fuhren wir mit dem Zug Nr. 92 Richtung Taischet ab. Dieses Mal reisten wir 2. Klasse und hatten Glück, dass wir nur zu dritt im 4-Bett-Abteil waren. Unsere Abteilgenossin war eine nette Frau mittleren Alters, die sich über Anja freute. Überhaupt erregt Anja überall Aufsehen, die Leute können sich über das kleine Baby kaum mehr erholen und besonders wenn sie in der Rucksacktrage sitzt, ernten wir Hunderte verwunderter und amüsierter Blicke.

 

Der Zug Nr. 92 gefällt uns sehr. Es ist ein lokaler Zug, doch er ist liebevoll gepflegt und die Schaffnerinnen sind sehr freundlich. Klimaanlage hat er allerdings nicht, dafür kann man die Fenster öffnen und sich so auch viel eher den Aussentemperaturen anpassen. Die Landschaft nach Novosibirsk ist interessanter, sibirischer eben, mit schönen Wäldern, blühenden wilden Apfelbäumen und Blumen in den Wiesen, und den obligaten romantischen Holzhaus-Dörfchen.

Gegen Abend ziehen dunkle Wolken heran. Es beginnt zu stürmen und bald einmal kommt ein Gewitterregen, der aber rasch wieder vorbei ist. Der Zug hält selten, und meist nur gerade 2 Minuten.

 

Anja braucht auch in dieser Nacht noch einmal ein Fieberzäpfchen, doch langsam scheint es ihr besser zu gehen.

 

Am nächsten Abend kommen wir glücklich in Taischet an, einer kleinen Stadt mitten in Sibirien. Igor holt uns vom Bahnhof ab und wir freuen uns sehr, ihn wieder einmal zu sehen. Wir wohnen dieses Mal bei ihm in der Stadt, in einem typisch sowjetischen Block im 4. Stockwerk. Interessanterweise ist Anja sofort von Igor und der Wohnung begeistert und nimmt das grosse Bett gleich für sich in Beschlag.

 

Igor bereitet für uns Bortsch zu, das ist eine typisch russische Suppe mit Kohl und ein wenig Fleisch. Bei Ludmilla, seiner Schwiegermutter, besuchen wir etwas später zusammen mit Anja die Banja, ein wirkliches Vergnügen! Es gibt in Sibirien eigentlich nichts schöneres, als in einem Holzhäuschen zu wohnen, das regionale Essen zu geniessen und die Banja zu besuchen, in der es schön warm ist und man nachher wie neu geboren herauskommt.

 

Es gibt am Abend noch viel zu diskutieren, bevor wir (bereits am nächsten Morgen) müde ins weiche Bett fallen. Anja schläft selig neben uns, und ist am anderen Tag gar nicht begeistert, Taischet schon wieder verlassen zu müssen. Ueber Nacht ist es bitterkalt geworden und wir müssen uns dick einpacken. Im Moment sind wir auf jeden Fall noch froh darüber und im Zug und in den Häusern ist es immer schön angenehm.