Pünktlich um 6:34 Moskauer Zeit – so werden alle Fahrplanzeiten in Russland angegeben – traf unser Zug in Jekaterinenburg ein. In der Hauptstadt des Urals erwartete uns Irina bereits bei unserem Waggon und brachte uns mit ihrem Wagen zu sich nach Hause.

 

Das erste das mir auffiel war, wie extrem der Unterschied zwischen modern und uralt hier ist. Es werden Häuser gebaut die an Shanghai erinnern, und davor fährt ein Bus von dem man Angst hat, dass er sogleich auseinanderfällt. Es existieren noch viele alte Holzhäuser neben wahnsinns Bauten aus Glas und Stahl. Das Stadtzentrum entlang der Lenin Allee weist viele Prachtbauten auf die noch aus der Zeit des grossen Wirtschaftaufschwunges im Bergbausektor stammen.

 

Irina wohnt in einem typisch sowjetischen Plattenbau. Der grosse Vorteil für uns ist der Lift, der uns mit unserem riesen Gepäck bequem in den 6. Stock befördert. Irina hat gleich zwei Zimmer für uns hergerichtet, und wir richten uns schon einmal bequem ein, während Sie morgens um 9 Uhr eine Gemüsesuppe mit Huhn für uns kocht. Etwas später taucht Luba auf, eine pensionierte Übersetzerin, die ab und zu Touren für unsere Partnerfirma mit deutschsprechenden Touristen unternimmt.

Zusammen mit Irina, die weiterhin als Fahrerin tätig ist, und Luba welche unsere Reiseführerin ist, machen wir uns auf zu einer Stadtrundfahrt durch die wirklich sehenswerte Stadt Jekaterinenburg.

 

Jekaterinenburg ist die drittgrößte Stadt in Russland, Verwaltungssitz der Region Sverdlovsk Oblast und die Hauptstadt der Ural-Region. Das Gebiet Sverdlovsk ist 4 ½ x so gross wie die Schweiz und hat nur 4 ½ Millionen Einwohner. Trotzdem ist die Region eine der bestentwickelsten Russlands. Jekaterinenburg selber war bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts für Ausländer gesperrt wegen der Rüstungsindustrie. Bergbau- und Metallindustrie brachten der Stadt den wirtschaftlichen Aufschwung. Die größten Metallfördergesellschaften der Erde befinden sich im Ural und konzentrieren sich hier auf den Ausbau ihrer marktführenden Position. Der Tourismus steckt allerdings noch in den Kinderschuhen, und die Region ist im Ausland gerade wegen seiner langen Abschottung noch ziemlich unbekannt.

 

Der Lenin-Prospekt ist die Hautpstrasse der Stadt, in der Mitte gibt es eine hübsche Fussgängerzone. Die Strasse ist von vielen interessanten Gebäuden gesäumt, darunter die weltberühmte Oper, das Rathaus oder auch ein Kaufmannshaus im ausgeprägtesten Zuckerbäckerstil den man sich vorstellen kann. Im Zentrum gelangt man zur wunderbaren Quaianlage am Isset Fluss, der gleich in der Stadt in einen Stausee überläuft. Viele Restaurants und Einkaufsläden, alte und neue Gebäude direkt nebeneinander, prägen das sehr angenehme und ansprechende Stadtbild.

Wir verlassen die Stadt über die Autobahn und gelangen so nach einiger Zeit zur Grenze zwischen Europa und Asien. Jekaterinenburg selbst liegt schon in Asien, wir fahren für unseren Ausflug aber wieder zurück nach Europa. Es gibt verschiedene Denkmäler an den Grenzpunkten. Hier an der Autobahn ist es ein grosser Stein mit einem metallernen Pfeil. Im linken Teil des Sockels liegt ein Stein aus Tschutkotka, der weitest entfernten Stelle in Asien, und auf der rechten Seite liegt ein Stein aus Portugal, am weitesten entfernt in Europa. Wenn man den einen Punkt berührt kann man sich etwas wünschen und schnell auf den anderen Kontinent laufen und dort das Zeichen ebenfalls berühren, dann geht der Wunsch in Erfüllung.

Vom Denkmal aus geht die Fahrt weiter in westlicher Richtung, bis wir zu einem kleinen typisch uralischen Dorf kommen, wo wir eine Babuschka in ihrem uralten Holzhaus besuchen dürfen. Nach wie vor ist die wirtschaftliche Situation für die alten Leute äusserst schwierig, mit einer Rente von 200 € kann niemand überleben. In den Dörfern versorgen sich die Leute selbst, und „unsere“ Babuschka hat einen riesigen Garten, in dem 1000 kg Kartoffeln wachsen, neben Karotten, Tomaten, Gurken, Kefen, Erdbeeren, Blaubeeren, Johannisbeeren und anderen Nahrungsmitteln, die für den Winter eingelagert oder eingemacht werden müssen. Dies alles macht die Frau alleine, und nur am Wochenende kommen ihre Kinder aus der Stadt und helfen ein wenig, vor allem aber zum Ernten so dass auch sie von dem Gemüse einen grossen Teil ihrer Ernährung sicherstellen können. Andere Rentner sind zwingend auf einen Zusatzverdienst angewiesen, Luba z. b. verdient sich ein paar Rubel in dem sie als Fremdenführerin arbeitet, ihr Mann geht immer noch seiner Arbeit nach obwohl er eigentlich längst im Ruhestand wäre. An den Bahnhöfen verkaufen die Babuschkas Proviant an die Reisenden, oder selbstgestrickte Schals und Socken, getrockneten Fisch oder was sie sonst anbieten können.

Ich persönlich finde, dass sich das Land seit unserem letzten Besuch recht stark entwickelt und modernisiert hat, aber vom neuen Reichtum profitieren eben nur Wenige, und die sind dann zu den neuen Russen geworden, die sich alles leisten können was das Herz begehrt. Unsere Gastmutter und Fahrerin Irina zum Beispiel hat sich selbständig gemacht, indem sie ein Taxidienst für wohlhabende Familien gegründet hat und deren Kinder in die weit verstreuten Schulen fährt, sowie zum Schwimm-, Musik- oder Sportunterricht. Pro Tag kann sie 5 Familien bedienen, daneben fährt sie auch Touristen herum und beherbergt und bewirtet diese.

 

Während wir noch den Garten bestaunen und uns über die Hühner und Katzen freuen, bereitet die Babuschka für uns ein währschaftes uralisches Mittagessen zu. Es gibt doch nichts schöneres als solch ein köstliches selbstgemachtes Essen, zu dem wir eingeladen sind. Pelmeni sind eine Art Tortellini, die nicht nur herrlich schmecken sondern auch recht nahrhaft sind. Daneben gibt es es frische, knallrote Tomaten, Gurken aus dem Garten, im Ei gebackenes Brot und wahnsinnig süsse Erdbeeren, von denen unsere Tochter, die sich sonst nicht viel aus Früchten und Gemüsen macht, die halbe Schüssel leerisst. Das Haus ist wirklich uralt, und obwohl die Frau schon einen Elektrischen Herd hat, ist auch der so wichtige grosse Kachelofen nach wie vor in Betrieb. Er spendet die Wärme für das Haus, und wenn jemand krank ist setzt man sich an den Ofen und wird schnell wieder gesund. Die Babuschka trocknet auch selber Kräuter, die zu Heilzwecken dienen, z. b. Johanniskraut das Zahnfleischprobleme lindert. Von A – Z wird einfach alles selber gemacht. Im Stall nebenan wohnen die Hühner, die nun wieder rausgelassen werden, während der Haushund bei unserem Besuch eingesperrt bleiben muss.

 

Die Kinder verstehen sich auf Anhieb mit der Frau und man könnte meinen, sie seien bei der eigenen Grossmutter auf Besuch, denn auch die Babuschka hat grosse Freude an unseren Rabauken. Kinder werden in Russland nach Strich und Faden verwöhnt, und besonders den Knaben wird jeder Wunsch erfüllt, denn die Mütter haben ihre Söhne oft nicht lange, weil sie in irgendeinen Krieg ziehen müssen von dem sie oft nicht wiederkommen.