(25. Juni 2006)

 

Natalia, eine Deutsch- und Englischlehrerin, holt uns vom Bahnhof ab. Sie ist uns auf Anhieb sympathisch und wir sind neugierig, was uns in dieser BAM-Stadt erwarten wird. Natalia ist noch jung und beherbergt erst seit kurzem Reisende. Die Unterkunft erstaunt uns daher auch sehr. In einem typisch sowjetischen Block im 5. Stock (ohne Lift!) bewohnt sie zusammen mit ihren Eltern eine 4-Zimmer Wohnung. Nun sind wir also fünf Erwachsene und ein Baby - fast wie zu alten Zeiten. Bisher hatten wir den engen Wohnraum in Russland schon fast vermisst, von dem man immer soviel gehört hatte. Die meisten Wohnungen sind sehr geräumig und werden wie bei uns auch von 1 - 2 Personen bewohnt. Hier ist es also noch wie früher. Andi und ich haben nicht in einem Zimmer mit Anja Platz, er schläft im Wohnzimmer, ich mit Anja im Zimmer von Natalia (wie sich später herausstellte, hätten wir zwar alle im Wohnzimmer Platz gefunden, doch Anja hatte im separaten Zimmer mehr Ruhe).

Die Eltern sind sehr lustige, aufgestellte Leute. Sie haben beide bei der Bahn gearbeitet und sind in den 1970er Jahren hierher gekommen. Der Vater ist heute bei der Feuerwehr. Dort gibt es aber auch nicht mehr genügend Geld und Löschflugzeuge, die früher grosse Waldbrände bekämpft haben, gibt es keine mehr. Die beiden freuen sich am meisten über Anja und können sie gar nicht genug in der ganzen Wohnung herumtragen. Wir können von Glück reden, wenn wir sie einmal zu Gesicht bekommen! Wie überall gibt es auch hier tonnenweise Pelztiere und Spielsachen, die Anja vorgelegt bekommt. Während die Mutter mit ihr spielt, können wir in Ruhe unser Nachtessen geniessen.

 

 

Tinda ist die Hauptstadt der BAM und rund 7000 Kilometer von Moskau entfernt. Heute leben rund 40'000 Menschen hier. Die erste Siedlung wurde 1917 gegründet, die Stadtrechte erst 1975 erteilt. Wichtige Wirtschaftszweige sind die Holzverarbeitung und die Nahrungsmittelindustrie. Die heutige Situation belastet auch diese Stadt, doch der starke Überlebenswille hält Tinda über Wasser.

 

Am nächsten Morgen besuchen wir das BAM-Museum. Es ist unerwartet gross und reichhaltig. Es zeigt die Geschichte der Region und die Entstehung der Stadt, sowie vor allem natürlich Bilder und Exponate zum Bau der Eisenbahn. Kurios ist auch ein Wohncontainer, der wie ein rundes Silo aussieht, das man der Länge nach hingelegt hat. Darin befanden sich vier Betten und eine Küche mit Aufenthaltsraum. In solchen Containern haben die ersten Siedler gehaust.

 

Schon im Museum geht es mir nicht mehr so gut. Wahrscheinlich hat mich Anja angesteckt, die in Severobaikalsk noch ziemlich erkältet war. Ich habe von zuhause ein Grippemedikament genommen, nun wird mir davon schwindlig und ich mag kaum mehr zurücklaufen. In der Wohnung falle ich gleich ins Bett. Tamara besorgt mir "einheimische" Medikamente, kocht Tee mit Honig und wickelt mir einen Angora-Schal um den Hals. Mit soviel Fürsorge kann es einem nur besser gehen.

 

Für den Abend haben wir einen Banja Besuch geplant. Lange studieren wir nun, ob wir diesen absagen sollen. Doch ich hoffe, dass die Banja hilft, die starke Erkältung zu lindern. So fahren wir in eine hübsche Gegend aus vielen Holzhäusern zu Galina. Sie ist eine aufgestellte ältere Frau, die in einem schönen grossen Holzhaus wohnt und für uns eine einmalige Banja vorbereitet hat. Diese Banja befindet sich in einem alten Eisenbahnwaggon, einem sogenannten Wagonitschki, den sie vor dem Bau des Hauses zusammen mit ihrem Mann bewohnt hat. Jetzt steht er im Garten und besteht aus drei Räumen. Im mittleren Raum steht für uns Johannisbeersaft zur Stärkung bereit, bevor wir in die heisse Banja gehen. Der warme Dampf tut meiner Erkältung wirklich gut und schon nach kurzer Zeit fühle ich mich wesentlich besser. Die beiden Frauen hüten Anja, bis wir selber fertig sind. Danach lassen wir die grösste Hitze raus und können dann auch mit Anja die Banja besuchen. Sie freut sich über das warme Bad und planscht in einem grossen Plastikeimer herum. Galia hat inzwischen ein wohltuendes Nachtessen vorbereitet. Wir kommen dabei auf den Permafrostboden zu sprechen und ich frage, ob sie denn so einen Keller hat, in dem immer die gleiche Temperatur herrsche. Ja, das hat sie und zeigt es uns gerne. Mitten im Haus rollt sie den Teppich zurück und hebt ein Stück des Bodens heraus. Schon klafft ein tiefes Loch vor uns und Galia verschwindet darin. Ich folge ihr in den Untergrund. Jetzt, nach dem langen Winter, ist die Vorratskammer fast leer, das meiste aufgebraucht. Die Gärten wurden erst gerade bepflanzt und die Ernte ab August erwartet. Landwirtschaft in Sibirien ist allerdings ein Risiko. Man weiss nie, ob man wirklich etwas ernten kann oder nicht. Auf jeden Fall ist es in dem Keller permanent 4°C, eigentlich der natürliche Kühlschrank in jedem Holzhaus, das auf diesem Boden gebaut ist. Für die Bewohner nützlich, für die Erbauer der BAM eine grosse Schwierigkeit!

 

Am nächsten Tag besuchen wir Wolodja. Er hat am Stadtrand in einem alten Industriegebäude eine kleine Fabrik. Dort bearbeitet er Halbedelsteine - Nifrit und Calcit zu edlen Schmuckstücken: Uhren, Aschenbecher und Bleistifthalter. Die Fabrik ist in einem traurigen Zustand. Früher hatten die drei Arbeiter genügend Aufträge vom Staat und fertigten für wichtige Persönlichkeiten edle Stücke, heute gibt es kaum mehr Abnehmer. Wolodja hat keine Ahnung, wie er überhaupt die Produkte an die Leute bringen soll, ganz ähnlich wie der Maler Evi Enk am Baikalsee. Diese Leute kommen nicht über ihre Stadt hinaus, sie wissen nicht, welche Möglichkeiten es gibt, etwas zu verkaufen. Am Bahnhof bringe es auch nichts, da der einzige Zug hier Endstation hat und die Leute nach dem Aussteigen nichts mehr kaufen wollen. Jetzt hat Wolodja nicht einmal mehr genug Geld, um neue Steine zu beschaffen. Zum Glück hat er einen anderen Job gefunden und macht diese Arbeit nur noch nebenberuflich, in der Hoffnung, die Produkte doch irgendwann einmal unter die Leute zu bringen. Uns gefällt besonders ein eiförmiger Stein mit einer Uhr und wir kaufen ihm dieses Stück ab. Damit ist wenigstens dieser Tag für ihn erfolgreich verlaufen.

 

Was uns insgesamt in Tinda auffällt, ist dass die Leute grundsätzlich viel zufriedener sind als an den anderen Orten, die wir bisher besuchten. Vielleicht sind sie einfach schon von ihrer Geschichte her mit dem Bau der BAM und dem Leben in Containern einen einfacheren Standard gewohnt, so dass sie mit weniger zufrieden sind. Wir wissen es nicht, auf jeden Fall bekommen wir immer nur positive Antworten zur heutigen Situation, keiner jammert, alle haben genug zu Essen und ein Dach über dem Kopf und das genügt ihnen. Klar konnte man früher einmal pro Jahr gratis oder ganz billig Ferien machen, wenn man bei der Bahn arbeitete, aber auch ohne das kann man leben....

 

Obwohl Tinda selbst eigentlich wenig zu bieten hat - es gibt keine wirklichen Sehenswürdigkeiten oder würde einen Stopp rechtfertigen - haben wir von unserem Aufenthalt einen durchwegs positiven Eindruck. Wenn man weiter nach Komsomolsk fahren will, muss man sowieso umsteigen, und wenn man schon mal hier ist, sollte man sich so eine typische BAM-Stadt, die völlig abseits vom Tourismus liegt, einmal anschauen.