Das wahre Sibirien

 

Da wir in den letzten Tagen soviel erlebt haben, dass wir es einfach immer noch nicht aufschreiben konnten, berichten wir mehr in Bildern, Euch und uns selber zuliebe!

 

3 Tage lang fuhren wir mit dem Baikal-Express, einem der besten Züge des Landes. Inzwischen hat er sogar neue, moderne Waggons bekommen, in denen die Temperatur digital angezeigt wird und die über nebst Samowar und Toilette auch über eine Klimaanlage verfügen.

 

Nach anfänglichen Schwierigkeiten (Kampf um den Platz) freunden wir uns dann aber doch mit unserer Abteilsnachbarin Katharina an, so dass am Ende bei der Verabschiedung fast Tränen fliessen... wir müssen versprechen, sie bald zu besuchen!

 

Dann kommen wir nach Taishet und verlassen etwas wehmütig den Zug. Kaum haben wir uns von Katharina verabschiedet, erwartet uns Igor bereits am Bahnsteig. Wir fahren zu seinen Schwiegereltern, die in einem sehr gemütlichen kleinen Holzhäuschen mit Kachelofen leben. Zuerst wird nun die Banja eingeheizt, dann zeigt uns Igor, wie man sie richtig benutzt und behandelt uns mit den traditionellen Birkenzweigen. Neu geboren gibt es jetzt das Nachtessen und wir diskutieren noch bis spät in die Nacht.

 

Am nächsten Tag holt uns Gregori ab und lädt uns zu einem speziellen Abenteuer ein. Er will mit uns in die südlichen Dörfer fahren. Die Strasse sei aber sehr schlecht, da es vor ein paar Tagen geregnet hatte, ist alles vereist. Er werde langsam fahren und wir würden bis am Abend sehr müde sein. Ich bin nicht wirklich begeistert, denn ich habe paranoische Angst vor Autofahrten auf Schnee und Eis. Aber vielleicht ist dies ja gerade die richtige Therapie, wer weiss? Gregori ist schliesslich hier aufgewachsen, kennt nichts anderes und sein Auto hat immer noch keine Beule. Also fahren wir los.

 

Die Strasse ist wirklich katastrophal. Zwar sehr breit, aber nur blankes Eis. Ausser vereinzelt einem Holztransporter fährt kein Auto. Ich wundere mich immer mehr, dass man hier überhaupt fahren kann. Es grenzt fast an ein Wunder. Ab und zu schlittern wir ein wenig, doch Gregori hat das Fahrzeug fest im Griff. Wir kommen vorbei an einem kleinen Dorf ohne Strom, in dem nur noch 2 – 3 Familien leben, an ausgedienten Kolchosen, aber auch einem grösseren Dorf mit rund 800 Einwohnern, die sich aus ihrem eigenen Garten ernähren.

 

Die Strasse führt in steilen Serpentinen passähnlich in ein tiefes Tal hinunter und Gregori hat das nötige Feingefühl, die Kurven zu erreichen. Nach einiger Zeit zweigt von der Hauptstrasse eine mit viel Fantasie zu erkennende Fahrspur ab. Der Schnee ist mindestens kietief, doch wir zweigen tatsächlich auf diese Piste ab. Bei uns würde man hier nicht mal zu Fuss weitergehen. Der Wind hat den Schnee dünenartig über die Fahrspur gelegt. Der russische Geländewagen vermag diesen aber wieder zusammenzudrücken. Gut ist einfach, dass Gregori jede Wurzel und jeden Stein kennt, der sich darunter verbirgt. Wir müssen uns inzwischen mit beiden Händen festhalten, das Auto stösst den Schnee vor sich her. Mitten drin halten wir an und trinken heissen Tee!

 

Dann treffen wir auf eine Waldhütte, die äusserst romantisch gelegen ist. Gregori besorgt sich Angelzeugs und einen Eisbohrer. Die Piste, die nach der Hütte kommt, kann man gar nicht mehr beschreiben! Im Sommer unpassierbarer Sumpf, im Winter als fahrtechnisches Kunststück eine Herausforderung. Manchmal schimpft aber auch Gregori und der Geländewagen kämpft sich mit letzter Kraft hindurch.

 

Dann sind wir da: an einem wunderschönen Picknickplatz am zugefrorenen Tagul-Fluss. Igor muss den Tisch zuerst mit der Schaufel befreien, wir sammeln Holz und machen ein Feuer. Aus Schnee wird Tee gekocht, danach gehen wir auf den Fluss und bohren ein Loch ins Eis. Mit etwas Brot gelingt es uns, drei kleinere Fische aus dem Fluss zu ziehen. Ein grosses Erlebnis für uns alle!

 

Nachdem wir Fisch auf alle Arten probiert haben (roh + gefroren, geräuchert, in der Suppe mit Augen, die mich anschauten!) und der Nachmittag langsam dem Ende entgegen ging, fuhren wir auf der Piste zurück und dann auf einer anderen wieder durch den Wald zu Gregori's „Holzfabrik“. Seit einiger Zeit hat er den Wald hier gekauft und auch eine moderne Maschine, um aus den Baumstämmen z. B. Eisenbahnschwellen zu schneiden. Doch die Nachfrage nach Holz ist um 80% zurückgegangen, die Angestellten, welche nur einmal im Monat nach Hause können und sonst hier in einem dunklen, engen Barackenwagen leben, verbringen die meiste Zeit an der Vodka-Flasche, was Gregori hingegen gar nicht gerne sieht. Bereits ist eine Maschine dadurch kaputtgegangen, an mögliche Unfälle in diesem gefährlichen Beruf darf man gar nicht denken. Wir sitzen ein wenig mit den Leuten zusammen und trinken Tee. Als es langsam dunkel wird, machen wir uns auf die lange Fahrt zurück nach Taischet. Alle total glücklich und zufrieden über diesen tollen Tag – und für mich ist heute der Inbegriff eines Traums in Erfüllung gegangen!

 

In Taischet gibt es viele schöne alte Holzhäuser. Wir machen mit Igor einen Stadtrundgang und besuchen auch die Musikschule, wo seine Frau arbeitet. Dann geht es endlich zum Kinderheim, nun nicht zu dem in Birjusinsk, da es hier ein Waisenhaus gibt, in dem z. Zt. 50 Kinder leben. Manche Kinder gingen einfach verloren, z. B. ein kleiner Junge wurde am Bahnhof gefunden, ohne Papiere. Er kann weder sprechen noch hören und kein Mensch weiss, wer und wo seine Eltern sind. Diese Kinder bleiben manchmal monatelang hier, bis die Eltern gefunden werden, wenn überhaupt...

 

Die Erzieherinnen und die Kinder waren begeistert über unseren Besuch und über die Geschenke die wir mitbrachten. Es herrschte eine grosse Aufregung und das ganze Haus lief zusammen. Wir werden in Zukunft versuchen, dem Waisenhaus Kleider zu schicken, denn sie haben kaum etwas für die Findelkinder zum Anziehen! Natürlich sind auch alle anderen Sachen wie Spielwaren, sogar Waschpulver, gerne gesehen! – Wenn jemand helfen möchte, sendet uns ein Email! Wir können dann zuhause zusammen schauen!

 

Ja, und dann hiess es langsam Abschied nehmen. Diesmal waren wir schon auch ziemlich traurig, aber wir sind sicher nicht das letzte Mal da gewesen.

 

Die Fahrt mit dem Bummlerzug Nr. 260 war eigentlich sehr interessant, da er tagsüber aus Taischet abfährt und man durch eine herrliche Landschaft kommt. Er hält an jeder Station, und es ist unglaublich, wie kleine Bahnhöfe es hier überhaupt gibt!

 

Die Nacht hingegen war dann weniger lustig, da er auch nachts alle 10 minuten anhielt und Leute zu- und ausstiegen. Ich hab knapp 2 std. geschlafen, was aber auch noch mit der Zeitumstellung zu tun hat, wir haben mittlerweile + 7 Std. im Gegensatz zur Schweiz und sind doch erst eine Woche unterwegs!

 

Nun haben wir Irkutsk erreicht, sind in einem luxuriösen Appartment bei Jack untergebracht, es ist minus 13° C und das schönste Wetter und wir werden nun ein wenig nach draussen gehen und morgen dann, wenn alles klappt, nach Listwjanka reisen.

 

Nun sagen wir für den Moment „Do swjidania“, viele liebe Grüsse aus Sibirien

 

Nicole + Andi Baumann