(10. Juli 2006)

 

Wir erleben den Amur am nächsten Tag hautnah, als wir eine sechsstündige Flussfahrt von Komsomolsk nach Chabarovsk unternehmen. Vladimir bringt uns zum Schnellboot, welches die ehemalige Hauptstadt der Region, Nikolaevsk-na-Amure, mit Chabarovsk verbindet. Für die Leute auf dem Schiff sind wir die Attraktion Nummer eins! Von der Schweiz haben sie schon viel gehört, aber Schweizer kaum je einmal gesehen, und dann schon gar nicht mit einem so kleinen Baby! Die Russen würden es nie wagen, mit einem Baby eine weite Reise zu machen und wir ernten überall grosses Erstaunen. Die Hälfte der Gäste kennt uns schon und anstatt dass wir aus dem Fenster schauen und Fotos machen können, müssen wir etliche Male erzählen, woher wir kommen und wohin wir gehen, das ganze natürlich auf Russisch (diese Wörter kennen wir bereits in- und auswendig!).

Das Wetter spielt leider nicht mit auf unserer Bootsfahrt, und so werden die Wolken immer dunkler, bis es schliesslich auch noch zu Regnen beginnt. Allerdings ist die Strecke sowieso nicht sehr abwechslungsreich, es gibt nur zwei oder drei Ortschaften, die wir unterwegs sehen, und nicht wie wir gedacht hatten, viele Nanai-Dörfer (Ureinwohner), die man von der Nähe sehen kann. Ab und zu kommt ein Holzfrachter entgegen, oder wir überholen einen auf dem Weg nach Chabarovsk. Wenn unser Boot mit voller Geschwindigkeit fährt, fliegt es sozusagen über das Wasser und läuft sicher 60 km/h schnell. Dann muss man sich festhalten und kann nicht mehr wirklich fotografieren, so schnell zieht das Ufer an einem vorbei. Doch mit diesem Tempo fährt der Kapitän nur eine kurze Strecke. Meist geht die Fahrt gemächlicher, aber trotzdem schneller als mit einem normalen Schiff.

 

Plötzlich stoppt das Schiff mitten auf dem Fluss. Andi befürchtet, dass der Benzin ausgegangen sei oder sonst eine Panne vorliege. Ich eile zum Aussichtsdeck. Und staune nicht schlecht, als ich sehe, dass neben uns ein anderes Boot festgemacht hat. Noch grösser werden meine Augen, als ich zusehe, wie einer „unserer“ Passagiere über die Reling auf das andere Schiff klettert. Als er drüben angekommen ist, fährt das 2. Schiff davon, in einen der vielen Seitenarme des Amurs, wahrscheinlich zu einer Ortschaft in der Nähe. Unsere Fahrt kann wieder weitergehen.

 

Abends um 19:40 erreichen wir Chabarovsk. Larissa aus unserer Partnerfirma holt uns von der Schiffsstation ab und der Chauffeur bringt uns mit einem tollen Minivan zur Gastfamilie. Die Stadt gefällt uns auf Anhieb sehr gut. Unzählige wunderschöne Gebäude, tolle Strassen und viele Geschäfte, viel Grün (16 m2/Einwohner!). Dieses Mal wohnen wir sogar im 11. Stock – doch gottseidank mit Lift. Unsere Gastmutter heisst Luba. Sie ist 57 Jahre alt und hat drei erwachsene Kinder. Olga, eine Tochter, wohnt im Moment auch bei ihr und kümmert sich um uns, wenn die Mutter arbeiten geht. Die Wohnung ist sehr schön und geräumig, und wir bekommen ein riesiges Zimmer mit Balkon, das ganze sehr praktisch im Stadtzentrum gelegen.

 

Wie immer wenn wir irgendwo ankommen, ist das Wetter zuerst einmal miserabel. So auch die ersten Tage, die wir in Chabarovsk verbringen. Zum Glück hat es ein wirklich sehr gutes Heimatkundemuseum, welches wir unbedingt empfehlen möchten. Es zeigt sowohl die Natur der Region, sowie die Völkerkunde und Geschichte und ist sehr umfangreich. Unseren Amur-Tiger sehen wir auch hier anstatt in der freien Wildbahn, weil sich einfach niemand finden lässt, der sich getraut, mit unserem Baby die sehr weite Strecke bis zum Rehabilitationszentrum zu fahren... Ja, die Strassen sind grösstenteils schlecht und zum Teil gibt es nicht einmal Asphalt, und wir lassen uns überzeugen, dass es vielleicht vernünftiger wäre, auf diesen Ausflug zu verzichten... allerdings sehr ungern....

 

Wir nutzen die Zeit auch, um ein weiteres Hotel zu besichtigen (man zeigt uns breitwillig sämtliche Zimmer!), und Besprechungen zu führen. Gottseidank ist das Regenwetter hier nicht so hartnäckig und bereits am nächsten Morgen können wir unseren Ausflug zum Nanai-Dorf Sikatschi-Alin machen. Obwohl es nur etwa 70 Kilometer von Chabarovsk entfernt ist, dauert die Anreise relativ lange und führt am Schluss über eine schlammige Piste. Hier haben wir das erste Mal auf dieser Reise mit Mücken und anderen Insekten zu kämpfen und flüchten schnell ins Museum.

 

Archäologen aus der ganzen Welt kennen dieses kleine Dorf im Tal des Amur Flusses namens Sikachi-Alyan. Das Dorf ist Heimat der Nanai, eines nativen Amur-Volkes, welches im Fernen Osten lebt. Das Dorf beherbergt heute etwa 300 Familien. Berühmt ist es für die Felsen am Flussufer, auf welchen man Gravuren gefunden hat, die auf eine alte Kultur an dieser Stelle hinweisen. Die Gravuren zeigen menschliche Gesichter und verschiedene Wildtiere.

 

Die Nanai werden auch Fischhaut-Volk genannt, weil sie früher tatsächlich aus Fischhäuten in einem speziellen Verfahren ihre Kleider hergestellt haben. Heute unterscheiden sie sich nur noch im Aussehen von den Russen, die Zivilisation hat längst Einzug gehalten und neben einigen Annehmlichkeiten vor allem Probleme wie Alkohol mit sich gebracht. Ganz hart hat es die ausschliesslich vom Fischfang lebenden Nanai getroffen, als die Chemiefabrik in China explodiert und Giftstoffe den Amur verseucht haben. Kein Mensch will dieses Jahr mehr einen Fisch aus dem Amur kaufen, sie haben nun ihre Lebensgrundlage verloren. Selber bleibt ihnen keine andere Wahl, als die Fische zu verspeisen, die gesundheitlichen Folgen müssen sie wohl oder übel in Kauf nehmen.

 

Inzwischen ist auch das Wetter wieder gut geworden und die wunderbaren Häuser in Chabarovsk zeigen sich von der besten Seite. Herrlich ist der Spaziergang am Amur-Quai, wo die Leute am Strand liegen und die Wärme geniessen. In Chabarovsk ist es 9 Monate im Jahr kalt, bis minus 40° C, doch die Sommerhitze ist oftmals noch unerträglicher, wenn das Termomether bis 45° C plus klettert. Eine Übergangszeit wie bei uns Frühling und Herbst, gibt es sozusagen nicht, respektive dauert höchstens zwei Wochen. Ein hartes Klima sowohl für Mensch, wie Natur und auch für die Strassen und Häuser, die dem ausgesetzt sind.

 

Von der Quai-Promenade führt eine lange Treppe hinauf zum Komsomolskaya Platz. Schon von unten sieht man das blau leuchtende Dach der Assumption-Kathedrale. Auch sie wurde während den Sowjetzeiten abgerissen und erst im Jahr 2001 wieder aufgebaut. Heute strahlt sie in schönstem Glanz, als wäre nie etwas anderes gewesen.

 

Entlang der Muravyov-Amursky-Strasse findet man noch ganz viele tolle Häuser aus dem 19. und Anfang 20. Jahrhundert. Heute sind hier die wichtigsten Geschäfte untergebracht und die Strasse bildet das eigentliche Stadtzentrum. Die Chabarovsker flanieren hier und besuchen Kaffees, Kinos und Theater.

 

Am dritten Tag fahren wir mit dem Taxi zum riesigen Vyborgskaya Markt am Stadtrand. Hier kommen tonnenweise Waren aus China und es gibt nichts, was man nicht kaufen könnte. Die Chabarovsker erwerben hier Möbel, Kinderwagen, vor allem aber Kleider, die in erstaunlich guter Qualität angeboten werden. Wir gelten als Exoten, westliche Touristen sind selten, solche aus der Schweiz eine Überraschung. Der Markt ist angenehm, man kann in Ruhe durch die kilometerlangen Marktstrassen schlendern, ohne von irgendwem behelligt zu werden. Einzig etwas mühsam ist, das zu finden, was man möchte, und noch in der Grösse, die man haben sollte. Meist gibt es nur Einzelstücke. Handeln ist auf jeden Fall angesagt, und zur Verständigung haben wir einen Taschenrechner mitgenommen, auf welchem beide Parteien den Preis eintragen können.

 

Langsam haben wir etwas genug Häuser gesehen und möchten gerne einmal ein wenig in die Natur. Mit Anja können wir dies hier aber nur beschränkt tun, wir fürchten uns vor Moskitos und Zecken, welche ihr arg zusetzen könnten. So fahren wir mit Larissa in das Kehkhtsir Naturreservat. Es liegt 45 Kilometer ausserhalb der Stadt am Zusammenfluss von Amur und Ussuri. Hier gibt es ein kleines Museum, das über die Flora und Fauna des Parkes informiert. So lernen wir z. B., dass eine handgrosse Ginseng-Wurzel sechzig Jahre braucht, um diese Grösse zu erreichen. Oder auch, dass in dem Park nur ein einziger Tiger lebt, ein Weibchen, das das ganze Revier für sich in Anspruch nimmt. Amur-Tiger sind Einzelgänger und brauchen enorm viel Platz. Ihre Hauptbeute sind Wildschweine. Diese Tigerdame hatte auch schon mehrere Junge, welche nach dem Erwachsenwerden ein neues Revier suchen mussten. Nun ist sie etwa 12 oder 13 Jahre alt und zeugt keinen Nachwuchs mehr. Zusammen mit zwei Biologen machen wir uns auf den Weg in die Wildnis.

 

Zuerst fahren wir mit dem Auto über eine sumpfige Piste recht tief in den Wald hinein. Hier gibt es ein Blockhaus und einen romantischen Picknickplatz. Und neuerdings einen Naturlehrpfad, den wir nun alle miteinander begehen. Anja sitzt in der Rückentrage, dick eingewickelt mit Moskitonetz und ausnahmsweise auch mit Insektenschutzmittel eingespritzt. Bei mir scheint dies von der Schweiz mitgebrachte aber nichts zu nützen. Hier wimmelt es wirklich von Mücken und anderem Gekräuch und Gefläuch. Unsere Biologen zeigen uns alle paar Meter seltene Schmetterlinge und erklären, welche Pflanzen wofür gut sind. Interessant ist, dass hier zwei botanische Zonen aufeinandertreffen: die nordische und die südländische Natur, Taiga und Mischwald. Südliche Lianen, wilde Reben und Ginseng gedeihen mitten neben Birken, Ahorn und immergrünen Koniferen. Im Moment gibt es extrem viele Raupen – sie fressen ganze Bäume weg, doch gegen sie vorzugehen, wäre gegen die Natur und würde mehr schaden als nützen, so lässt man es einfach sein. Wir fragen, ob man den Tiger eigentlich ab und zu sieht – und alle schauen uns erschrocken an und meinen: seid froh, wenn er weit weg bleibt! Er ist ein Raubtier und man wüsste nicht, was passiert, wenn er auftaucht. Und ja, ab und zu wird er sogar an der Strasse gesehen! Da sind die vielen Bären, die hier leben, gleich zweitrangig! Obwohl es in der Chabarovsker Region jährlich rund 15 Zwischenfälle gibt, von denen einige tödlich verlaufen. Die Leute gehen eben alle im Spätsommer Beeren und Pilze pflücken – eine Waffen haben sie nicht dabei. Und da passiert es eben ab und zu, dass man einem Bären begegnet und verletzt oder sogar getötet wird. Was will man machen, meint Larissa, die Leute sind vom Wald abhängig. Nach einiger Zeit erreichen wir das Ufer des Amur. In der Ferne sieht man den chinesischen Grenzposten, etwas näher auch das braune Wasser des Ussuri. Und gleich gegenüber befindet sich eine Insel, welche bislang zu Russland gehört hat, von Wladimir Putin nun aber zur Hälfte den Chinesen übergeben worden ist – womit er sich wenig Ruhm in der Region eingeholt hat. Russen, welche schon ewige Zeiten auf der Insel lebten, verlieren nun einfach ihr Haus, den Job und sämtliches Hab und Gut, weil ihr Grund und Boden plötzlich chinesisch ist! Bleiben können sie nicht, so müssen sie irgendwo anders ohne finanzielle Hilfe neu anfangen.

 

Ja, und dann sind die Tage in Chabarovsk wieder vorbei. Mit dem Zug Nr. 2 verlassen wir die Stadt und treten unsere letzte Reise auf dem Schienennetz der Transsibirischen Eisenbahn an – die Reise nach Wladivostok, der Endstation der legendärsten Bahnstrecke der Welt!