Das Wetter ist trüb wie unsere Stimmung, als uns das Taxi – ein kleiner Lada mit einem freundlichen älteren Chauffeur – über die schrecklichen Pisten von Olchon zur Fährstation bringt. Für die Strecke von 35 Kilometern braucht man eine Stunde. Die Warteschlange der Autos, die im Sommer auf die Fähre wollen, ist riesig. Aus diesem Grunde lassen wir uns mit dem Taxi zum Hafen bringen und gehen zu Fuss auf die Fähre.  Fussgänger müssen nicht warten . Und auf der anderen Seite werden wir dann wieder abgeholt.

 

Gegenüber unseres Besuches hier vor vielen Jahren geht es inzwischen viel gesitteter zu. Es gibt festgelegte Spuren in denen sich die Autos einreihen müssen, und eine Kolonne für den Bus der ebenfalls ohne Wartezeit übersetzen darf. Punkt elf Uhr legt die Fähre an und wir dürfen einsteigen. Ohne Zwischenfall und grosse Wellen verlassen wir pünktlich die Schamaneninsel und gelangen in kurzer Zeit auf die andere Seite. Hier treffen wir Eugen, unseren Outdoor-Führer für die nächsten Tage, sowie Viktor, unseren Fahrer. Die beiden sind mit dem UAZ-Büssli gekommen, in dem sowohl unser Gepäck wie auch wir bequem Platz finden.

 

Weil das Wetter immer noch ziemlich bedeckt ist, schlägt uns Eugene vor, zuerst mal eine kleine Höhle zu besuchen, dann zu picknicken, und erst am Nachmittag zur beliebten Muchor-Bucht zu fahren um noch etwas zu baden. Wir fahren durch schöne Landschaft – eigentlich die gleiche wie auf Olchon, denn auch hier ist Steppe, und sammeln in einem kleinen Waldstück ein bisschen Holz für’s Lagerfeuer. Die Piste ist ruppig, es geht über Stock und Stein bis zum Picknickplatz. Von hier wandern wir ein Stück aufwärts und suchen den Eingang zur Höhle. Die eine Höhle ist mit einem Tor verschlossen, der Eingang besteht aus einem Loch das in die Dunkelheit führt und daneben hängen Helme und Seile.Wir gehen noch ein Stück weiter, und finden schliesslich versteckt inmitten grosser Felsen einen zweiten Eingang – ebenfalls nur ein Schlupfloch das in die Dunkelheit führt. Was hab ich mir nur dabei gedacht, schiesst es mir durch den Kopf? Anja macht auch einen Rückzieher, und wir beschliessen nur die Männer reinzuschicken. Es kommen uns aber gerade einige Höhlenkletterer entgegen. Diese berichten dass es sehr kalt sei und sehen sichtlich erschöpft aus. Die Kinder staunen ob der Menschen die da aus dem Boden kommen. Sascha will unbedingt rein. Eugene erklärt uns, dass hier nach diesem engen Einstieg gerade wieder eine grosse Höhle komme und dass das kein Problem auch für die Kinder sei. Wir leuchten rein, und als Andi und Sascha reingehen, will Anja auch. Keine Ausrede mehr für mich um draussen zu bleiben. Andi meint es sei nicht so schlimm, und hilft uns allen durch das Schlupfloch. Tatsächlich stehen wir unmittelbar in einer grossen Höhle, die in der Steinzeit den Menschen als Unterschlupf diente. Es ist eiskalt, und plötzlich rutscht Andi aus – der Boden ist gefroren! Am Ende dieses grossen Raumes geht ein Eiskorridor weiter in den Berg hinein. Das ist natürlich nichts für uns, wir begnügen uns damit uns in dieser grossen Höhle umzusehen und danach wieder rauszuklettern. Die Kinder sind ziemlich beeindruckt.

Wir spazieren dem Fontanka Kanal entlang und die Kinder staunen über die vielen Ausflugsschiffe die unter den niedrigen Brücken hindurchfahren. Je weiter wir Richtung Stadtzentrum laufen, desto prächtiger werden die Paläste, und beeindrucken uns wirklich zutiefst mit ihren Dimensionen und Verzierungen.

 

Wie wir ja bereits wussten, ist natürlich auch deshalb alles sehr weitläufig, und für die Kinder das erste Mal ohne Buggy recht anstrengend. Und wir können nun nicht einfach mal so schnell von A nach B gehen, sondern müssen uns ihrem Tempo anpassen. Aber trotzdem schaffen wir es zum berühmten Nevsky Prospekt, der Hauptflaniermeile der Stadt, die in den schönsten Farben erstrahlt und überall mit Blumen und Bäumen geschmückt ist.

 

Bei der Blutskirche und dem Griborjevskz Kanal biegen wir dann wieder ab und beenden unseren Rundgang für heute.

Nun bereiten wir das Lagerfeuer und unser Mittagessen gemeinsam vor. Viktor hat einen Samowar dabei, der noch mit Feuer funktioniert. So kommen wir auch in der Pampa in den Genuss des obligaten russischen „Tschai“ – dem schwarzen Tee der neben dem Vodka das Nationalgetränk des Landes ist. Viktor entpuppt sich als ambitionierter Fotograf und fängt jeden Schritt den wir machen mit seiner Kamera ein. Wir bereiten Salat vor und die Kinder grillen Würste auf dem Lagerfeuer. Später wandern wir durch die wilde Landschaft. Die Baikalregion ist uralt und die Felsbrocken, die herumliegen stammen wohl aus Vulkanen die schon seit tausenden von Jahren erloschen sind. Auf der kargen Wiese wachsen allerlei Kräuter die einen herrlichen Duft verströmen.

 

Etwas weiter nimmt uns Viktor wieder mit, der mit dem Büssli die Strecke zurückgelegt hat. Durch wild zerklüftete Felslandschaft geht es zurück auf die Teerstrasse, um auf der anderen Seite die nächste Bucht zu erkunden. Die Piste die wir jetzt fahren, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Wenn man das nicht gesehen hat würde man nie im Leben glauben, dass auf so einer Strecke über Stock und Stein überhaupt ein Auto fahren kann. Ein Jeep mit viel Fantasie vielleicht ja – aber stellt Euch vor – die Russen legen die extremsten Strecken sogar noch mit den PKW’s zurück!!! Ich bin froh als wir endlich aussteigen und den Rest der Strecke zur Muchor Bucht zu Fuss zurücklegen. In dieser Badebucht hat einer versucht, mit dem Jeep die Absperrschranke zu Umfahren und ist prompt im Sumpf steckengeblieben. Es hilft alles nichts, die normalen PKW’s und Geländewagen bringen ihn auch mit dem Seil nicht wieder heraus. Schliesslich kommt der grosse KAMAZ Kranlastwagen und der Jeep ist im Nu vom Sumpf befreit.

In der Bucht in der wir baden kann man ganz weit hinauslaufen, das Wasser ist über eine Strecke von sicher 50 m nur knietief und recht warm. Dafür gibt es hier eine Algenart, die wir noch nie gesehen haben – diese Algen sehen genau aus wie Weintrauben und es gibt sie in verschiedenen Farben. Am Abend steht uns natürlich noch die Rückfahrt über diese furchtbare Piste bevor, und bald finde ich mich damit ab, dass das hier so ist und für die Einheimischen normal. Quer am Hang fahren wir um die Bucht bis wir irgendwann einmal bei einer „Tourbasa“ halten, so nennt man eine Art Campingplatz mit festen Häusern. Hier werden wir bei Alexander übernachten.

 

Der Platz und die Aussicht über die Baikalbucht ist atemberaubend. Wir bewohnen ein kleines Holzhäuschen mit drei Betten, die wir uns teilen. Vom Bett sieht man über den ganzen See – wie wunderbar! Das Waschbecken ist im Freien und muss auch von Hand mit Wasser befüllt werden, die Toilette ist ebenfalls biologisch, d.h. ein Holzhäuschen mit Loch im Brett. Einzig das Essen lässt sehr zu wünschen übrig. Es gibt schon wieder diese schrecklichen Buchweizenkörner, die man schon von weitem riecht und wir einfach nicht mehr runterkriegen. Es gibt hier auch einige russische Touristen, und eine junge Frau sagt mir, es täte ihr leid für uns, aber sie hätten hier auch nichts besseres zu Essen, es wächst auf diesem Boden einfach gar nichts und man muss sich halt irgendwie behelfen um zu überleben. Bis jetzt hatten wir immer genial gegessen in Sibirien, aber dieses Mal scheinen die Vorräte vom Winter aufgebraucht bevor die neue Ernte reif ist. Es gibt deshalb auch kaum Kartoffeln, die sonst immer Grundnahrungsmittel waren, und in den Blinis gibt es auch nur das Minimum an Eiern so dass es mehr nach Mehl und Wasser als nach Omletten schmeckt. Das ganze Land ist karg und trocken und der letzte heisse Sommer, in dem soviel Fläche verbrannt ist, hat wahrscheinlich auch seine Spuren hinterlassen.

Das Restaurant, das zur Tourbasa gehört, ist wie ein Schiff gebaut, mit Fahrtrichtung Baikal und sogar mit Steuerrad. Für diese Aussicht würde man bei uns schon ein Vermögen bezahlen, hier sitzen wir nun mit Suppe und irgendwelchen Resten, die wir noch vom Mittag ergattern konnten. Am Abend wird das Lagerfeuer entzündet und ich sitze mit Eugene und Viktor und einer Schar einheimischer Touristen daneben. Die Stimmung ist magisch, überall um den Baikalsee sieht man Lagerfeuer brennen, es fehlen nur noch die Piratenschiffe und man könnte meinen in einem Film zu sein… Alexander hat die Gittarre mitgenommen und singt schöne russische Lieder, während im Räucherofen auf dem Lagerfeuer die Fische braten. Diesen Moment habe ich mir seit Lebzeiten gewünscht, immer hatte ich vom Gittarrengesang am Lagerfeuer geträumt, nun musste ich bald 40 Jahre alt werden und tausende Kilometer reisen, bis mein Traum in Erfüllung ging. Nun weiss ich jedenfalls dass es irgendwo auf der Welt Menschen gibt, denen genau das gleiche wie mir wichtig ist, und ich weiss nun, wo ich sie finden kann. Ich werde diesen Augenblick niemals vergessen, dieses wundervolle Gefühl der Erfüllung, und ich werde sicher so bald als möglich an diesen zauberhaften Ort zurückkehren.