Bei strömendem Regen gehen wir dieses Mal auf eigene Faust zum Bahnhof. Auch hier ist es absolut kein Problem zum Zug zu finden, man wird vom Bahnpersonal automatisch ans richtige Ort geleitet. Am Vormittag verlassen wir im gemütlichen Zug K591 Xian, um zu unserer nächsten Station an der Seidenstrasse, der Oasenstadt Dunhuang zu fahren. In diesem Zug gibt es keinen Fernseher mehr, aber den brauchen wir sowieso nicht, weil es aus dem Zugfenster genügend zu sehen gibt.

 

Der Zug fährt durch recht spektakuläre Berge mit einer Strasse, auf der sich Lastwagen hinaufkämpfen, ähnlich wie auf dem Karakorum Highway, wenn natürlich auch nicht in sehr grosse Höhen. Die Strasse und der Zug verläuft entlang des Gelben Flusses, dem zweitgrössten Fluss des Landes.

 

Später passieren wir Landwirtschaftszonen, deren Boden durch die Erosion canyonartig zerfurcht ist. Auf jedem noch so kleinen verbliebenen Flecken Erde werden sorgfältig Pflänzchen angepflanzt, von denen jedes einzelne sorgsam durch die Bauern von Hand gepflegt wird.

 

Wir verbringen die Nacht im angenehm dahin schaukelnden Zug, und als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster schauen, befinden wir uns bereits mitten in der Wüste Gobi. Die steinige Ebene wird in der Ferne von zackigen Bergen begrenzt, hinter denen die Sonne aufgeht. Nach rund 24stündiger Zugfahrt erreichen wir schliesslich Dunhuang, die Stadt in der Wüste. Der Bahnhof wurde erst neu gebaut und erinnert mich an die alten Ägypter, da sein Portal wie das eines Grabmals eines ägyptischen Königs aussieht. Ebenso futuristisch sind dann die riesigen 4spurigen Strassen, die uns hier ziemlich überdimensioniert erscheinen. Unser Transferfahrer erwartet uns schon und bringt uns die rund 10 Kilometer in die Stadt. Wenn man mit dem Auto in die Stadt fährt, wird man an einem grossen Tor registriert, ich nehme an, so können sie die Anzahl der Autos kontrollieren und im Bedarfsfall regulieren.

 

Es dauert gar nicht lange, bis wir im Hotel unserer Träume ankommen – diesmal ist es ein richtiger Palast mitten in der Wüste, und von unserem Fenster sehen wir die riesige Dünenlandschaft mit Dünen, die bis 300 m in die Höhe aufragen. Der Service ist genial, und unser Zimmer ebenso. Nach einer Ruhepause machen wir uns am Abend auf den Weg, um den Mondsee der in den Dünen liegt, zu besuchen.

 

Ich mache mir ein bisschen Sorgen, wie unsere Tochter Anja den Weg von rund 3 Kilometer und zurück bewältigen soll. Mit dem Kamel wird es wieder schwierig wegen dem kleinen Sascha, und nur einer mit Anja auf dem Kamel ist auch blöd, aber wir sind ja in China und ich geb die Hoffnung nicht auf, dass sich irgendeine Lösung finden wird. Die Dünen befinden sich in einem Nationalpark, zu dem man 60 RMB Einritt bezahlen muss. Kaum haben wir das Eingangstor durchschritten, präsentieren sich uns sämtliche Transportmittel, die man sich nur vorstellen kann: hunderte von Kamelen, eine stattliche Anzahl Jeeps, ein grosses Flugzeug (!!!), Ultralight-Flugzeuge, und genau das richtige für uns: Caddy’s ähnlich denen auf dem Golfplatz aber mit mehr Sitzen, um die Strecke bis zum Mondsee zurückzulegen. In Google-Earth hatte es ausgesehen wie ein Trampelpfad, doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine Piste die mit Steinen präpariert wurde und auf der regelmässig ein Laster Wasser verteilt um sie in Form zu behalten! Aber keine Angst, so schlimm wie man immer meint ist es eigentlich gar nicht – auch in der Sahara fährt man mit den Jeeps über die Dünen oder macht weiss gott was, hier ist es nicht viel anders und es ist ein relativ kleines Gebiet, das für die Touristen so erschlossen wurde. Nimmt man eines der vielen Kamele, dann geht es weit hinauf auf die 300 Meter Dünen, in langen Karawanen tauchen die Reiter ein in das Sandmeer der Wüste Gobi und erscheinen in der Ferne wie ein Bild aus vergangener Zeit. Auf der anderen Dünenseite dann ist alles menschenleer, und schnell würde man in dieser riesigen Landschaft verlorengehen.

 

Das passiert uns nicht, denn auch hier stürmen alle Menschen auf unsere Kinder los. Die hingegen freuen sich natürlich über diesen unendlichen Sandkasten, den sie aber leider nicht allzulange geniessen können, denn das Wetter wird immer schlimmer und ein heftiger Sandsturm vermischt mit ein paar Regentropfen kommt auf. Nur kurz ist die Zeit am Mondsee, und schon bald machen wir uns wieder auf den Rückweg um nicht total versandet zu werden. Ganz verabschieden wollen wir uns aber so schnell nicht, und ich habe die Idee, Anja mal auf ein Kamel zu setzen. Die sind alle an einem Ort versammelt und wir mischen uns mitten unter die Hirten. Diese wiederum können sich ab den Kindern kaum mehr erholen, und statt uns irgendwas verkaufen zu wollen, wollen Sie nur uns anschauen, dabei wollten wir doch sie und die Kamele sehen! Ein gegenseitiges Bestaunen schlimmer als im Zoo!!! Aber wirklich sehr lustig mit den Einheimischen, schön wäre natürlich noch wenn man die Sprache sprechen könnte.

 

Als das Wetter immer garstiger wird, machen wir uns endgültig auf den Heimweg in unser wunderbares Hotel. Hier bekommen wir ein Nachtessen verziert mit geschnitzten Vögeln aus Gemüse und dekoriert mit Blumen wie im Bilderbuch. Kaum sind wir fertig mit Essen, scheint schon wieder die Sonne und vom Sandsturm ist nichts mehr zu sehen!!!

 

Am nächsten Tag ist Shopping angesagt und der Taxifahrer bringt uns direkt zu einem Babygeschäft, wo wir Windeln und alles weitere was die Kleinen so benötigen kaufen können. Die Stadt ist hübsch und recht modern, und es gibt eine grosse Fussgängerzone mit vielen Marktständen, an denen man Datteln, Nüsse und Rosinen kaufen kann. Abends wird hier grilliert und flaniert, doch wir machen uns mit dem Taxi wieder auf den Weg zurück zum Hotel. Diesmal erwischen wir leider eine Taxifahrerin, die es nicht schafft, die 3 Kilometer schnurgerade Strasse zu unserem Hotel zu fahren, sondern sich in einer Stadt die nur aus vier Hauptstrassen besteht, so verfährt, dass sie am Schluss selbst nicht mehr weiss wo sie ist!! Erst als wir ihr mit Handzeichen helfen, finden wir nach einer halben Stunde doch noch endlich wieder unser Hotel und sind alle erleichtert!

 

Bevor wir Dunhuang wieder verlassen, besuchen wir noch die berühmten Mogao-Grotten, 25 Kilometer ausserhalb der Stadt. Diesmal nehmen wir den Chauffeur vom Hotel mit, um sicher auch wieder zurückzukommen und nicht wieder dasselbe Problem wie in Xian zu haben. Schon die Fahrt alleine lohnt den Ausflug. Die Strasse führt durch die Steinwüste an den Rand eines Gebirgszuges, immer wieder gibt es sandige Stellen und der Ort wo die Mogao-Grotten liegen erscheint wie eine grüne Oase in der Ferne inmitten der Wüste. Tatsächlich sind die Grotten von einem herrlichen Park umgeben, in dem es von Blumen nur so duftet. Die Berge im Hintergrund sind stark zerklüftet und zu ihnen führen verschiedene Stupas.

 

Interessanterweise sind wir auch bei den Mogao-Grotten fast alleine. Normalerweise strömen tausende Touristen hierher, doch wir sind bereits frühmorgens unterwegs und erst noch in der Nebensaison, so geniessen wir die Ruhe und den Frieden in dieser herrlichen Anlage. Mönche haben einen Tempel in den Fels gehauen, in dem ein 70 m hoher Budda steht. Überall gibt es uralte Wandmalereien und Figuren, die die Kulturrevolution unbeschadet überstanden haben. Die Mönche haben auch in den Felsen gelebt und so sieht man unzählige Türchen die in den Berg hineingehen. Der Besuch der Grotten ist nur mit Führung möglich, und die Guides öffnen und schliessen die Tore jeweils mit dem Schlüssel, damit dem Kulturschatz auch nichts passiert.

 

Ja, und dann ist sie auch schon bald vorbei, die Zeit in der Stadt in der Wüste. Etwas wehmütig steigen wir abends um sechs in unser Auto, das uns zur 130 Kilometer entfernten Bahnstation Liuyan bringt. Züge von und nach Dunhuang gibt es noch nicht so häufig, sie verkehren meist in der Hochsaison um die Touristen zu den Mogao-Grotten zu bringen, die Hauptstrecke aber ist weit von Dunhuang entfernt und die Fahrt dorthin gleicht einer Schifffahrt im Sturm, so holperig ist die Strasse. Dafür ist die Landschaft wiederum toll, und vor Liuyan durchqueren wir eine Lavalandschaft, die zum Verweilen einlädt.

 

Liuyan selbst ist wohl einer der trostlosesten Flecken auf der Erde, nur Industrie und die vom schlimmsten, absolut chaotisch und unheimlich erscheint uns der Ort bei untergehender Sonne. Mühsam auch die Kontrolle am Bahnhof, und es dauert eine Weile, bis die Leute freundlicher werden und sich wieder mal unserer Kinder erfreuen. Als dies passiert, kümmert sich dann aber sofort die Chefin des Bahnhofes um uns, und versucht noch Softsleeper-Tickets zu ergattern, die bisher unmöglich zu bekommen waren. Doch auch hier ändert sich daran nichts, und wir müssen im Hardsleeper fahren, in China ist dies die 2. Klasse, in Russland wäre es gleich der 3. Klasse. Es handelt sich dabei um offene 6-Bett-Abteile, in der wirklich alles fährt was unterwegs ist. Aber nach einigem Hin-und her haben wir uns auch hier eingerichtet und als um elf Uhr lichterlöschen ist, versuchen wir auch ein bisschen Schlaf zu erhaschen, bevor wir frühmorgens in einer weiteren Oasenstadt ankommen werden.