Am Nachmittag machen wir einen Ausflug zum nahegelegenen See, der eingebettet in einem herrlichen Wald, schon viele Einheimische zum Baden angelockt hat. Rund um den See gibt es verschiedene Feriencamps, aber wirklich viel Betrieb herrscht hier nicht. Die Kinder können vergnügt sändele und wir machen noch ein kleines Picknick, bevor es zurück in die Stadt zu Irina nach Hause geht.

Irina spricht nur wenig Englisch, und zuhause erklärt sie uns, wie wir mit der Metro in die Stadt kommen, und wo sich in der Küche die Esswaren befinden. Ich hab das Programm natürlich nicht genau studiert und meinte, sie wolle nun Feierabend machen und wir sollen selbst für das Nachtessen schauen. So bereiten wir Brot und Käse zu und essen Znacht, was ich wirklich eigenartig finde, aber man hört halt immer wieder eigenartige Geschichten aus dem Russischen Riesenreich.

 

Zwei Stunden später kommt dann die klägliche Wahrheit: auf unserem Programm stand „Dinner um 20 Uhr“, und Irina hielt sich strikt daran und bereitete einen Stapel Blinis (kleine Pfannkuchen)! Das war natürlich sehr peinlich, doch schlussendlich mussten wir lachen und die Kinder freuten sich trotzdem und kosteten das feine Angebot genüsslich.

 

 

 

Ausflug zum Naturpark Bazhov’s Place

 

Am nächsten Tag brachen wir wieder in der gleichen Besetzung zu einem Ausflug ins Uralgebiet auf: Irina als Fahrerin und Luba als Reisefüherin. Heute hatten wir eine längere Strecke vor uns und staunten ob der riesigen Autobahnen, die aber trotzdem ständig verstopft sind. Man muss für die Fahrt durch die Stadt immer mindestens noch eine halbe Stunde Zusatzzeit einplanen, wenn nicht sogar mehr.

 

Wir fuhren also Richtung Süden, und als wir die Autobahn verliessen, durchquerten wir wunderschöne uralische Dörfer mit alten, farbig verzierten Holzhäusern. Unser Ziel hiess Sysert, ein ursprüngliches Dorf, das seinen wirtschaftlichen Aufschwung einer Eisenerz-Fabrik zu verdanken hatte. Diese steht aber schon seit ewiger Zeit still, wahrscheinlich seit der Zeit um den 2. Weltkrieg, und lässt nur erahnen wie das Leben damals hier war.

Unterwegs kommt noch ein zweites Auto mit uns und bringt uns die Führerin für den Naturpark Bazhov’s Place, den wir besuchen wollen. Die Landschaft ist wirklich wunderschön, ausgedehnte Kiefern- und Birkenwälder säumen die Strasse und immer wieder tauchen Seen auf. Wir parkieren nun das Auto und ab jetzt geht es zu Fuss weiter. Sechs Kilometer lang sei der Rundweg, hat man uns gesagt, nun hiess es, es seinen doch nur 4 Kilometer, und unsere grösste Sorge war gewesen, ob die Kinder das schaffen. Für Sascha haben wir einen stoffigen Tragesack, aber Anja ist zu gross um auf irgendeine Art getragen zu werden und wir hoffen einfach dass sie das schafft.

 

Vier Frauen, zwei Kinder und ein Mann zählt unsere Crew, die Frauen sind in Russland sowieso deutlich in der Überzahl weil die Männer entweder am Alkohol oder im Krieg sterben. Die Frauen kümmern sich aber so vorzüglich um unsere Kinder, dass diese gar nicht merken dass sie auf einer Wanderung sind! Überall gibt es etwas zu entdecken, sei das ein Biberdamm aus nächster Nähe, Pilze, Blumen, oder aber vor allem die Millionen von Blaubeeren die hier einfach an den Sträuchern hängen und keiner pflückt, weil die Leute zu faul sind um so weit zu laufen. So verbringen wir viel Zeit mit Beerensammeln, was den Kindern riesigen Spass macht, und irgendwann erreichen wir in der Hälfte des Weges den alten Bergbau Talkov Stone. Hier wurde Talg im Tagebau abgebaut, und das Grundwasser musste immer abgepumpt werden. 30 Meter tief wurde der Krater von Hand gegraben, und als der Tagebau verlassen wurde, füllte sich das Loch mit kristallklarem Wasser, so dass ein herrlicher See inmitten der hohen Felsen und des Waldes entstand. Das Wasser ist aber so kalt dass keine Fische hier leben, so sagt man uns das zumindest. Der Boden rund um den Krater ist noch immer von dem feinen weissen Talg umgeben und man muss höllisch aufpassen dass man darauf nicht ausrutscht.

 

Gleich neben dem See gibt es einen wunderschönen Picknickplatz, den natürlich auch russische Gruppen rege nutzen und auf dem Feuer kochen. Wir machen ein kaltes Picknick ohne Lagerfeuer, und treten später ausgeruht den Rückweg an. Die Kinder sammeln immer noch wie wild die Beeren und die Frauen helfen ihnen dabei. Für Sascha hat Russland gleich wieder 100 Punkte mehr gesammelt mit diesem Tag. Er ist im Wald wirklich zuhause und war nicht ein einziges Mal ein bisschen müde. Man merkt gut, dass er ein halbes Jahr die Waldspielgruppe besucht hat und mit all den Schätzen des Waldes etwas anzufangen weiss. Anja hielt sich auch sehr tapfer und wir kamen wohlbehalten nach einigen Stunden wieder beim Auto an.

Auf der Rückfahrt fielen beide natürlich sofort in seeligen Schlaf, und das war auch gut so, denn am gleichen Abend mussten wir Jekaterinenburg verlassen, um mit dem Zug zu unserem nächsten Ziel, nach Krasnojarsk zu fahren. Ich muss sagen, ich bin sicher nicht das letzte Mal hier gewesen, und sowohl die Stadt Jekaterinenburg hat mich positiv überrascht, wie auch die Menschen mit Ihrer Gastfreundschaft, die ich hier eigentlich so nicht erwartet hätte. Die vielen abwechslungsreichen Ausflugsmöglichkeiten machen Jekaterinenburg zu einem prädestinierten Reiseziel für kurze aber auch für längere Aufenthalte, und es gilt wie fast überall in Russland: man kann gar nicht lange genug bleiben!

 

Viele, viele Minuspunkte sammelte bei mir der Bahnhof! Erstens herrschte auf dem Parkplatz so ein Chaos, dass Irina ewig warten musste um überhaupt auf den Platz fahren zu können, von parkieren mal ganz zu schweigen. Wir entschlossen daher alleine zum Zug zu gehen, was mir einfach wegen dem vielen Gepäck Sorgen machte. Andi hatte etwas übertrieben mit dem Proviant und vor allem viel Getränke gekauft, die wir jetzt auch noch schleppen mussten. Die Eingangshalle ist für die Menschenmassen, die hier durchkommen viel zu klein dimensioniert, und am Abend ist natürlich auch der meiste Betrieb. Unser Zug hätte um 22 Uhr lokaler Zeit in den Bahnhof einfahren sollen, die Kinder waren natürlich schon müde und ungeduldig, und wir mussten bald einmal frustriert feststellen, dass aus dem Plan vom baldigen gemütlichen Bezug unseres Abteils nichts wird. Der Zug welcher vor uns abfahren sollte, hatte schon mehr als eine halbe Stunde Verspätung, und selbst 5 Min. vor geplanter Abfahrt war noch nicht bekannt auf welchem Gleis er fährt. Ich wurde sehr nervös, denn wie gesagt hatten wir schweres Gepäck, meine Koffer konnte ich alleine nicht die Treppe hochschleppen, ich hatte zudem noch ein Kind auf dem Rücken, und ich hätte mir nichts sehnlicher gewünscht, als einfach ein wenig Zeit um zum richtigen Perron zu gelangen.

 

Wir warteten und warteten, und mit uns viele Hundert Menschen, darunter auch alte Frauen die sich grösste Sorgen machten, den Zug zu verpassen. Unser Zug war auf der Tafel aufgeführt, aber wurde immer wieder weiter nach unten verschoben, so auch die Nr. 26 der ebenfalls aus Moskau kommen sollte.

 

Irgendwann war es dann endlich soweit und das Perron 8 wurde angegeben, ausgerechnet zuhinterst. Wir liefen los und schleppten die Koffer rauf. Da sagte Andi: der Zug ist ja noch gar nicht da. Da merkten wir das etwas nicht stimmen konnte und fragten aufgeregt den nächst besten Gepäckträger. Der schüttelte den Kopf und sagte, nein, der Zug fährt nicht von Perron 8, sondern von Perron 1, am Anfang des Bahnhofs!!! Jetzt ist es passiert, dachte ich, jetzt fährt der Zug ohne uns, keine Chance so schnell dorthin zu kommen. Ich bat den Gepäckträger um Hilfe für unsere zwei schweren Koffer, und er rannte was das Zeug hält quer durch den Bahnhof, wir völlig erschöpft hinterher. Durch irgendwelche Schleichwege die wir alleine nie gefunden hätten standen wir dann tatsächlich auf dem Gleis 1 bei unserem Zug!

 

Nun kam der nächste Ärger: auf dem Gepäckwagen stand geschrieben „kleine Koffer 130 rub.“, „grosse Koffer 200 rub.“. Nun wollte der Mann natürlich abzocken und verlangte für die zwei Koffer 1500 rubel, weil er gemäss seiner Definition uns „abgeholt“ und wieder zum Zug gebracht hat! Aber man kann rechnen wie man will, man kommt nicht auf die 1500 rubel, und mir war das auch so egal, wir schmissen ihm 800 rubel hin, was rund 20 € entsprach für eine Dienstleistung von 5 Minuten, und stiegen in den Zug ein. Der Schaffner war zum Glück sehr hilfsbereit und vermochte uns wieder zu beruhigen, und irgendeinmal, ich glaub es war elf Uhr lokale Zeit, verliess unser Zug dann endlich mit uns an Bord die Stadt.

 

Was lässt uns das lernen aus der Lektion? Lieber einen Moment länger warten als sofort losrennen, denn manchmal wird das Perron nochmal geändert. Langsam machen und schauen wo alle anderen hinlaufen, und vor allem gut schauen weil immer zwei Perrons angegeben sind: das erste ist die Plattform und das zweite die Gleisnummer! Immer genügend Reserve sowohl für den Transfer wie auch bei Ankunft für Verspätungen einrechnen!