Rund um den Baikalsee

 

Der Anblick des komplett zugefrorenen Baikalsees verschlug uns fast die Sprache. Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man es nicht selber gesehen hat. Eine Strecke weiter als von Zürich nach Paris ist komplett mit Eis bedeckt und man kann sogar mit dem Auto auf dem Eis herumfahren (allerdings nicht überall ungefährlich!). An manchen Stellen liegen Hunderte riesiger Eisschollen, die in verschiedenen Farben schimmern.

 

Es ist bitterkalt in Listwjanka. Hatten wir noch in Irkutsk gedacht, nun können wir die warmen Kleider im Rucksack lassen, mussten wir jetzt wieder alle anziehen. Der Wind, der vom See her kommt, lässt innert kürzester Zeit alles einfrieren. Unsere Kameras schützen wir mit den Faserpelzhüllen, die wir extra für sie genäht haben. Trotzdem klemmt mal da und mal dort etwas, als wir den ganzen Tag lang Eisformationen fotografieren.

 

Wir wohnen bei einem pensionierten Ehepaar. Valentina und Vladimir leben in einem rund 200 jährigen Holzhaus nahe des Hafens. Durch die Zimmervermietung können sie ihre Rente ein wenig aufbessern. Als wir ankommen, treffen wir gerade noch kurz unsere Vorgänger an. Sie machen eine Mountain Bike Expedition über den Baikalsee bis nach Sewerobaikalsk. In 25 Tagen wollen sie die rund 600 Kilometer auf Eis und Schnee zurücklegen. Wir wünschen ihnen dazu viel Glück.

 

Unser Zimmer ist sehr klein, aber gemütlich. Wir dürfen auch das Wohnzimmer benützen, von wo aus man sogar auf den Baikalsee sehen kann. Am gemütlichsten ist es aber in der Küche, wo alle zusammen am grossen Tisch sitzen und Valentina fast den ganzen Tag über köstliche Leckereien auftischt. Neben dem alten Holzherd steht mittlerweile zwar auch schon ein Elektroofen, doch er vereinfacht nur einen kleinen Teil der anstrengenden sibirischen Lebens. Es gibt im Haus zum Beispiel kein fliessend Wasser. Dieses muss aus Eisbrunnen mit Kübeln aus dem Baikalsee geschöpft und zum Haus getragen werden. Dort wird es in einen Metallbehälter gefüllt, der mit einem Stöpsel versehen ist. Diesen drückt man hoch und bekommt fliessend Wasser, um die Hände zu waschen. Das Abwasser fliesst durch das Lavabo in einen Kübel, der wiederum von Hand geleert werden muss.

 

Richtig waschen kann man sich in der Banja. Dort steht ein Holzofen, der erst mal eingeheizt werden muss. Das Holz muss vorher natürlich herbeigeschafft und gespalten werden. In den Ofen gibt man Wasser, das durch das Feuer aufgekocht wird. Dieses kann man mit einem Wasserhahn in ein Becken lassen und es mit kaltem Wasser mischen und sich so duschen. Das Abwasser fliesst dann einfach durch Löcher im Boden ab. Um die Banja vorzubereiten, braucht Vladimir ganze zwei Stunden. Deshalb wird sie hier auch nur sparsam gebraucht.

 

Allerdings eignet sie sich auch zum Wäschewaschen. In grossen Zübern schrubbt man die Wäsche von Hand und kann sie anschliessend in der Banja zum Trocknen aufhängen. Eine elektronische Waschmaschine gibt es hier nicht. Die Leute sind den ganzen Tag mit dem Haushalt beschäftigt. Im Sommer kommt noch der Garten hinzu, der bestellt werden muss. Die geernteten Früchte und das Gemüse müssen dann so vorbereitet werden, dass es den ganzen Winter über ausreicht. Im Gang unter dem Teppich führt eine Falltüre in einen Raum, der als Vorratskeller dient. Hier unten ist es immer sehr kühl und Valentina hat kiloweise Kartoffeln und Karotten gelagert. Tomaten zum Beispiel werden eingekocht, Beeren zu Konfitüre verarbeitet oder gefroren aufbewahrt.

 

Im Winter werden in den Häusern ein zweites Paar Fenster eingesetzt. Sie isolieren vor der Kälte und können nicht geöffnet werden. Die Fugen werden mit Klebband, manchmal auch mit einem Brei aus Mehl und Wasser abgedichtet, der im Frühling dann wieder entfernt werden kann.

 

Nach vier Tagen verabschieden wir uns von Valentina und Vladimir und fahren mit dem Bus zurück nach Irkutsk und weiter nach Arshan, einem kleinen Kurort in den Bergen.

 

Die Busfahrt ist spannend, der Bus hält oft an und das Wetter ist herrlich. In einem kleinen Dorf gibt es einen Mittagshalt. Auch beim Aussichtspunkt, bei dem man auf das Südufer des Baikalsees blicken kann, steigen wir aus.

 

Nach vier Stunden Fahrt erreichen wir Arschan, ein kleines Dörfchen am Fusse des Altai-Gebirges. Die Szenerie ist sensationell, stahlblauer Himmel, schneebedeckte Berggipfel, grüne Tannenwälder, weisser Schnee und hübsche Holzhäuschen. Obwohl Arshan wirklich ein kleines Nest ist, welches mindestens entlang der Hauptstrasse nicht gerade gepflegt wirkt, hat es seinen besonderen Reiz und vor allem die Wanderungen in der Umgebung versprechen viel Ruhe und Entspannung.

 

Wir verlassen Arshan mit einem Minibus und fahren 400 Kilometer auf teilweise sehr schlechten Strassen nach Ulan Ude. Für die Anstrengung entschädigt werden wir durch die tollen Ausblicke, die wir immer wieder auf das südliche und östliche Ufer des Baikalsees geniessen dürfen. Völlig gerädert erreichen wir nach Einbruch der Dunkelheit Ulan Ude, wo wir wieder einmal in einem Hotel wohnen.

 

Ulan Ude ist die Hauptstadt der unabhängigen Republik Burjatien. Es wurde 1666 von russischen Kosaken gegründet und war zuerst Wintercamp, dann militärischer Vorposten am Zusammenfluss der Flüsse Selenga und Ude. Während des 18. und 19. Jahrhunderts wurde Verkhne Udinsk, wie Ulan Ude damals hiess, ein bekanntes Handelszentrum zwischen China, der Mongolei und Europa. Es wuchs zu einer ansehnlichen Stadt heran und die Hodigitria Kathedrale, die Trinity Kirche und die Markthalle entstanden. Auch heute noch findet man im Stadtzentrum viele alte Gebäude aus dieser glanzvollen Zeit, die meisten aus Holz und mit reichlichen Schnitzereien spielerisch verziert. Aber auch schöne alte steinerne Kaufmannshäuser kann man zwischen Busbahnhof und Leninkopf noch bewundern. Der Leninkopf ist übrigens der Grösste, der je gemacht wurde und ziert den Platz an der gleichnamigen Strasse.

 

Sehenswert ist auch das Ethnografische Museum, 10 Kilometer ausserhalb der Stadt gelegen. Hier findet man viele alte Gebäude aus der Baikalregion, die einem das Leben der verschiedenen Völkergruppen näher bringen.

 

Ebenfalls lohnenswert ist ein Besuch im Ivolginski-Kloster, dem buddhistischen Zentrums Russland. Sogar der Dalai Lama stattete dem Kloster schon mehrmals einen Besuch ab.

 

Unser Besuch in Ulan Ude ist nun sozusagen abgeschlossen und wir haben den östlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Heute abend werden wir mit dem Zug wieder zurückfahren nach Irkutsk und dann weiter bis nach Moskau, von wo uns der Flieger in rund einer Woche zurück in die Schweiz bringen wird.

 

Wir haben auch dieses Mal wieder tausend tolle Sachen erlebt und mehr als 2000 Dias gemacht, und freuen uns schon, wenn wir Euch dann später einmal alles zeigen und erzählen können!

 

Die Transsib-Homepage werden wir ebenfalls überarbeiten und mit den neuesten Informationen aufdatieren – schaut doch einfach ab und zu wieder bei uns vorbei!

 

Herzliche Grüsse aus Russland senden Euch

 

Nicole + Andi Baumann, Ulan Ude, 21.03.2004