Auch am nächsten Tag hatten wir volles Programm. Früh morgens war Tagwache und wir genossen Oksana’s feines Frühstück, bevor wir mit Anatoly loszogen, um die Holländer in der Stadt abzuholen. Mit dem Minibus verliessen wir die Stadt und waren schon bald in der herrlichen Landschaft am Rand des Stolby Nationalparkes. Hier kann man wunderbar wandern, und es gibt sogar einen Sessellift hinauf in die Nähe des Tamak-Felsens.

 

Unsere Route führte südwärts dem Jenissei entlang. Der Jenissei wird auch „Vater aller Flüsse“ genannt und neben ihm erscheint die „Mutter“ Wolga recht klein. 4000 Kilometer zieht sich der mächtige Strom vom fernen Tuwa bis hinauf ins Eismeer hin, und er ist auch gleichzeitig der wasserreichste Fluss der Erde. Auf dem Weg nach Divnogorsk kommen wir an einen einmaligen Aussichtspunkt vorbei. Die Morgenluft ist noch frisch und klar und man kann unendlich weit sehen. Das blaue Band des Flusses zieht sich bis an den Horizont hin. Es wird von kleinen Dörfern und einigen Feriensiedlungen gesäumt, ebenso von der Eisenbahn und der Fernstrasse nach Abakan. Einige Fischerboote zieren die sonst ganz stille Wasseroberfläche. An diesem Ort möchte man ewig bleiben und einfach eintauchen in die endlose Landschaft, die etwas Magisches an sich hat.

Aber wir wollten ja noch zum Damm – und ich hatte mir ausserdem in den Kopf gesetzt, es heute nochmal mit der Schifffahrt auf dem Fluss zu versuchen! So fuhren wir weiter ins nächste Dorf, wo wir ein Haus besuchten, das der Schriftsteller Astanjev für seine Mutter gebaut hatte. Im Dorf gibt es auch eine hölzerne Kirche mit einem riesigen Taufbecken im Freien, in dem die Menschen auch als Erwachsene noch Platz finden.


Divnogorsk schliesslich ist eine typisch sowjetische Plattenbausiedlung. Ich stelle mir vor, dass dazumal die Arbeiter, die den Staudamm bauten, hierher gezogen sind und auch nach dem Bau des Dammes geblieben sind. Das Nest hat etwas Trostloses an sich, so wie es die Städte hoch im Norden oft haben, wenn sie keine Perspektive sehen. Immerhin gibt es einen kleinen Vergnügungspark für die Kinder mit Elektroautos und Hüpfburg, was an diesem Sonntag von einzelnen genutzt wird.


1959 begannen die rund 20‘000 Arbeiter mit dem Bau der über einhundert Meter hohen Mauer. 1967 ging das Kraftwerk ans Netz und erst drei Jahre später erreichte der Stausee sein gewünschtes Stauziel. Er gilt heute als einer der grössten Stauseen der Erde und zieht sich über 400 km bis Chakassien hin. Das Kraftwerk ist eines der grössten der Erde, und wurde erst vom Drei-Schluchten Damm in China auf der Top 10 Liste nach hinten befördert. Es produziert mit seinen 12 Turbinen 6000 Megawatt Strom. Allerdings werden 70% davon vom riesigen Aluminiumwerk Kraz verbraucht, dem 2. grössten der Erde. Es ist interessant, dass dieses Kraftwerk so leistungsfähig ist, wenn der Damm eigentlich gar nicht speziell gross ist.


Etwas äusserst Aussergewöhnliches ist auch das Schiffshebewerk, das sich gleich neben dem Damm befindet. Das Schiffshebewerk ist eine Art Zahnradbahn für Schiffe bis 1500 t und wurde anstelle einer Schleuse errichtet, die keinen Platz in den Felsen gehabt hätte. In den Spitzenzeiten im Jahr 1991 wurden 611 Schiffe rauf und runter transportiert. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging die Binnenschifffahrt stark zurück und nun ist das Hebewerk nur noch im September in Betrieb. Hauptsächlich werden kurz vor der Winterpause landwirtschaftliche Produkte aus dem Süden der Region und Chakassien in die nördlichen Gebiete verschifft, beispielsweise nach Norilsk.


Die Inbetriebnahme des Stausees hat das Klima der Region verändert. Der Jenissei, der früher nur rund 200 Tage im Jahr eisfrei war, ist dies nun auf 400 Kilometer das ganze Jahr über. In Krasnojarsk ist es dadurch feuchter und regenreicher geworden, und die Temperaturen im Winter in der Stadt nicht mehr so angenehm wie wenn die Luft trocken ist.

 

Wir fuhren mit dem Minibus hoch bis oben an den Damm, in die Nähe des Schiffshebewerkes. Seit der Angst vor Terroristen kann man das Werk nicht mehr von innen besichtigen, aber es ist auch so schon recht eindrücklich. Der entstandene Stausee bietet den Krasnojarskern ein willkommenes Ausflugsziel in der Natur. Am Wochenende sind seine Ufer von unzähligen Campern gesäumt, es gibt viele Ferienhäuser, und mit dem Schiff oder zu Fuss kann man auch noch viele verborgene Buchten erreichen.


Nach einem kleinen Spaziergang fuhren wir zurück nach Divnogorsk, wo wir Mutigen vier den Wagen verliessen, um zu versuchen, mit dem Schiff auf dem Jenissei zurückzufahren. Anatoly fragte die Einheimischen zum dritten Mal ob sie heute ein Schiff gesehen hätten, und nach der positiven Antwort checkten wir für den Notfall noch unsere Handyverbindung, dann fuhr er mit dem Rest der Gruppe und dem Minibus weg.


Unsere Kinder freuten sich ob der Elektroautos die man hier für ein paar Rubel benutzen darf, so ging die Wartezeit rasch vorbei. Für 16 Uhr war das Schiff angekündigt, und wir waren recht verwundert, also wir schon eine halbe Stunde früher eines kommen sahen. Auf dieser Strecke verkehren auch die sogenannten „Raketas“, das sind Schnellboote, und die hier sind im Stande zum Anlegen ans Land zu fahren. Das Raketa manövriert sich also an den Strand und jene Menge Leute steigen aus, aber niemand darf einsteigen. Er nehme keine Passagiere mit, sagte der Kapitän! Na das wollen wir ja mal sehen, dachte ich, denn das ganze Ufer war inzwischen voller Menschen die zurück nach Krasnojarsk wollten.


Einige Zeit später erfuhren wir, dass anscheinend ein zweites Boot unterwegs hierher sei, welches dann auch wieder zurückfahre. Wer’s glaubt wird seelig, aber irgendwie wird es schon gehen. Irgendwie geht es immer in Russland, wenn die Dinge oft auch nicht planbar oder voraussehbar sind. Für jedes Problem gibt es eine Lösung, man muss nur abwarten und am besten einen „Tschai“, den russischen Tee, trinken. Diesen gab es hier am Strand natürlich nicht, dafür hatten unsere Kinder mit anderen Kindern jede Menge Spass am Flussufer und hoben Steine raus und bauten Türme. Es erstaunt mich jedes Mal selbst, wie schnell sie aus einer Situation das beste machen. Ganz ohne Spielzeug und ohne zu murren finden sie sich innert Kürze zurecht und kreiren selbst irgendein Spiel das ihnen gerade in den Sinn kommt, das ist wirklich genial und gar nicht so selbstverständlich, kommen sie doch aus einer Welt des Überflusses und haben zuhause selbst jede Menge Dinge. Aber sie haben es zum Glück nicht verlernt, sich an einem Käfer zu erfreuen oder einfach mit den blossen Händen und irgendwelchen Ästen und Steinen zu spielen.


Die Leute ringsum werden langsam nervös und fragen sich, ob sie wirklich noch nach Krasnojarsk kommen mit dem Schiff. Da sehe ich weit weg am Horizont einen kleinen Punkt: es ist unser Schiff das langsam näher kommt!


Und tatsächlich, genau das gleiche Raketa wie jenes das schon hier war taucht auf. Das erste muss vom Strand wegfahren um dem zweiten Platz zu machen, wieder das gleiche Manöver, wieder steigen viele Leute aus. Diesmal dürfen wir aber zum Glück auch einsteigen. Das Boot ist klein, aber gemütlich, und was uns auffällt sind die nigelnagelneuen Schwimmwesten die in grosser Anzahl zum Greifen bereit sind. Nach dem schlimmen Schiffsunglück auf der Wolga vor einigen Wochen ordnete der Präsident an, sämtliche Passagierschiffe zu überprüfen, was uns jetzt zu gute kommt. Etwas mulmig ist das Gefühl trotzdem, aber schon bald weicht es der Freude über die Fahrt und die schöne Aussicht!