Pünktlich um 8 Uhr in der früh holte uns unser Guide bei der Gastfamilie in Irkutsk ab. Wir fuhren mit dem Bus zum Hafen an der Angara, wo emsiges Treiben herrschte. Unser Boot sollte um 9:15 ablegen, doch unser Guide machte sich etwas Sorgen weil das Wetter doch wider Erwarten ziemlich bewölkt war.


Während wir warteten, kamen immer mehr Autos und luden Menschen mit tonnenweise Waren aus, die sie runter ans Ufer schleppten. Und ich hatte mir Sorgen gemacht, ob ich unsere zwei grossen Ziehkoffer auch wirklich auf das Boot mitnehmen könnte. Die russischen Touristen hatten jeder mindestens vier grosse Gepäckstücke, dazu riesige Säcke mit Kartoffeln, Tomaten, Kohl, Vodka, Wein, Bier und Campingmaterial für wochenlange Zeltlager.


Und rechtzeitig einige Zeit vor geplanter Abfahrt kam auch unser Schiff „Barguzin 2“ gefahren und legte an. Es war ein altes, schon ein bisschen rostiger Katamaran, ein Schnellboot das die 300 Kilometer lange Strecke bis Olchon in acht Stunden zurücklegen sollte. Eine freundliche Stewardess mit Uniform nahm uns in bestem Englisch in Empfang. Wir mussten über eine steile Treppe ins Boot einsteigen. Zum Glück half uns der Guide dabei und wir gehörten zu den ersten der rund 120 Passagiere, die das Boot betreten durften.

 

So stellten wir unsere Koffer vorne im Boot hin und nahmen Platz, nicht ohne zuerst nach den Schwimmwesten und Notausgängen Ausschau gehalten zu haben. Wir hatten vier Plätze gebucht, anders war das nicht möglich. Die Tickets für dieses Schiff kosten ein Vermögen, aber eine Schifffahrt auf dem Baikalsee ist einerseits etwas Einmaliges, andererseits auch die beste Möglichkeit, um im Sommer überhaupt die Insel Olchon zu erreichen. Die Alternative wäre eine Anreise mit Bus oder Auto auf dem Landweg, und dann mit der Fähre hinüber zur Insel. Doch diese Fähre hat ihre Tücken, und die Autofahrer müssen meist den ganzen Tag warten bis sie überhaupt an der Reihe sind um rüber zu kommen. Nur der Linienbus wird schneller abgefertigt. Unser Schiff „Barguzin 2“ sollte uns hingegen direkt in die Hauptstadt der Insel, nach Chuschir bringen, was also will man mehr?

 

Was dann allerdings los war, bezeichnet selbst die Stewardess nur noch als „Russki Extreme“. Die 120 Passagiere beförderten mindestens 10'000 Kilo Ware, und alle Tomaten, Kohlköpfe, Zelte, Fischernetze, Angelruten, Schlafsäcke, sogar Musikboxen, wurden über unsere Koffer gestapelt! Durch die enge Tür drangen immer mehr Menschen ins Boot hinein, und wieder erinnerte ich mich panikartig an das Unglück auf der Wolga und andere Schiffsunglücke, die ja meist dann passieren, wenn die Boote hoffnungslos überladen werden. Genau so schien es jetzt zuzugehen, die Menschen- und Warenkolonne die auf uns zu strömte nahm kein Ende, und wo man hinschaute standen Leute. Ich fragte Andi, ob es nicht besser sei, diese Reise abzusagen und das Schiff jetzt noch zu verlassen wo wir die Möglichkeit dazu hätten. Doch er meinte, „don’t worry“, es findet jeder einen Platz, es wird schon nicht überladen, das ist hier normal. Nun, es wäre auch blöd gewesen wieder auszusteigen um dann zu sehen, dass er wirklich recht hatte. Also warteten wir ab, was weiter geschah. Als die Kolonne endlich ein Ende nahm, forderte die Stewardess die Passagiere auf, ihre Plätze einzunehmen, und tatsächlich passten die Leute genau auf das Boot! Ob die Fracht auch vorschriftsgemäss war sei mal dahingestellt, aber das Boot neigte sich wenigstens nicht auf die überladene Seite, also müsste es passen.

Mit etwas Verspätung startete der Kapitän die lauten Motoren. Die Fahrt konnte losgehen. Was wird sie für uns für Abenteuer bereit halten?


Gegen die Strömung und einige kleinere Wellen ging es in holperiger Fahrt – ähnlich einer Piste- über die Angara. Das ist der einzige Abfluss den der Baikalsee hat, alle anderen 336 Flüsse fliessen in ihn hinein. Unser Boot fuhr zuerst weit aussen auf dem breiten Fluss, so dass wir vom Ufer kaum etwas sahen. Tiefe Wolken hingen am Himmel und die Landschaft war dunkel und verhüllt. Erst gegen Ende des Flusses, bei der Mündung in den Baikal, fuhren wir nahe am rechten Ufer, an Port Baikal, entlang. Dann ging es hinaus auf den See. Im Feriendorf Listwjanka konnten wir vieles nicht mehr erkennen, es hatte sich recht geändert in den letzten Jahren. Immer mehr Hotels und Ferienhäuser wurden gebaut, und es ist wegen der einfachen Erreichbarkeit das Ausflugsziel Nr. 1 am Baikalsee.


Der Baikalsee empfängt uns ebenfalls mit rauher See und dunklen Wolken – wie wohl haben wir die Götter so erzürnt, dass sie uns keine Sonne schenken? Der Baikal ist für die Schifffahrt einer der unberechenbarensten Seen überhaupt. Der gefürchtete Sarma Wind schickt als Vorbote dicke Wolken über die Berggipfel, und beginnt meist genau 30 Minuten nachdem diese sich zum sogenannten Tor geöffnet haben. So lange haben Fischer und Wanderer Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.


Endlich finde ich auch heraus, dass im hinteren Teil des Schiffes ein Aussichtsdeck ist. Dort oben ist es viel angenehmer als vorne im Schiff, wo wir ständig mit der starken Brandung zu kämpfen haben und die Wellen hart unten an den Katamaran aufschlagen. Oben ist es schön, zwar laut von den Motoren, aber trotzdem einfach herrlich so mitten auf dem riesigen See zu sein. Ich könnte mich glaub wirklich noch an die Schifffahrerei gewöhnen!

 

Im Schiff gibt es auch eine Küche mit anständiger Auswahl, sowie Toiletten, was ja in Russland nicht immer selbstverständlich ist. Man ist eingerichtet für lange Fahrten. Wir fahren vorbei an Bolshie Koty und Bolshie Goloustnoye, dann kommt lange nichts mehr, nur einsame Buchten die bewaldet sind. Das Wetter bessert langsam ein bisschen. Die Kinder schlafen und es zahlt sich aus, dass wir vier Plätze für uns bezahlt haben.


Dann erreichen wir die Sandbucht, beliebteste Badeferiendestination am See. Hier gibt es ein altes aber hübsches Ferienheim in der einen, eine schöne aber teure Hotelanlage in der anderen Bucht, und noch eine Bucht in der sich die Wildcamper und Abenteurer tummeln. Wir staunen dass wirklich 99 Prozent der Passagiere der Barguzin-2 hier aussteigen wollen. Ich hätte gedacht sie fahren weiter bis Ust-Barguzin, der End-Destination unseres Schiffes, aber nein, in der Sandbucht geht wieder die Post ab! Wie in einem wild gewordenen Wespennest stürzen sich 110 Passagiere auf den Gepäckberg, jeder panisch dass er seine Sachen auch wieder findet. Das Schiff hält in jeder der Buchten, es bringt sozusagen jeden Passagier vor seine Haustür. Dazu läuft es einfach auf den Strand auf, die hydraulische Leiter wird ausgefahren und notfalls mit einem Holzsteg verlängert. Die 110 Personen mit ihren riesigen Waren zwängen sich durch die kleine Ausgangstüre, und die Schlange scheint wieder kein Ende zu nehmen. Da wird ein Gepäck zuviel ausgeladen, ein Geschrei, also sofort wieder rein. Ein anderer steigt aus und hat was vergessen, wieder Chaos. „That’s Russki Extreme“ – ruft belustigt unsere Stewardess uns zu. Ja, das Buch „Russki Extrem“ habe ich zuhause – und hab es extra dort gelassen damit wir nicht solche Sachen noch künstlich anziehen, aber ich muss sagen, wenn man das nicht mit eigenen Augen gesehen hätte würde man das nicht glauben!


Die Sandbucht ist übrigens wirklich wunderschön, und ich könnte mir auch gut vorstellen, hier einige Zeit Ferien zu machen. Es ist perfekt für Campingabenteuer, aber es hat auch sehr schöne Bungalows und einen hübschen kleinen Strand. Wie laut es am Abend zugeht, kann ich nicht sagen, jetzt scheint jedenfalls alles friedlich und die Landschaft ist wunderschön. Allerdings ist die Bucht nur auf dem Wasserweg erreichbar, was eben zu diesem Russki Extrem auf dem Schiff führt, das nur alle paar Tage mal verkehrt und sich jetzt nach und nach leert.

Ein paar Seemeilen weiter halten wir bereits wieder an einer ganz einsamen Bucht, wo es nur ein paar uralte Holzhäuschen gibt und ein paar Fischer die hier campieren. Auch da steigen nochmal Leute aus und wir schauen gespannt zu, haben wir ja jetzt fast das ganze Schiff für uns alleine und noch einen weiten Weg vor uns.


Unglaublich ist der nächste Stopp nach wenigen Minuten, da halten wir an einem winzigen Strand wo wir einen Fischer aufladen. Seine drei Kollegen bleiben zurück und winken uns. Er schleppt die ganze Fischereiausrüstung an Bord, inkl. Netzen, Kübeln und sonstigem Material. Omul habe er aber keinen gefangen, berichtet er.

Ein paar Seemeilen weiter halten wir bereits wieder an einer ganz einsamen Bucht, wo es nur ein paar uralte Holzhäuschen gibt und ein paar Fischer die hier campieren. Auch da steigen nochmal Leute aus und wir schauen gespannt zu, haben wir ja jetzt fast das ganze Schiff für uns alleine und noch einen weiten Weg vor uns.


Unglaublich ist der nächste Stopp nach wenigen Minuten, da halten wir an einem winzigen Strand wo wir einen Fischer aufladen. Seine drei Kollegen bleiben zurück und winken uns. Er schleppt die ganze Fischereiausrüstung an Bord, inkl. Netzen, Kübeln und sonstigem Material. Omul habe er aber keinen gefangen, berichtet er.


Nun ist für längere Zeit fertig mit diesen spannenden Stopps, und es geht weiter nordwärts. Die Landschaft ändert sich, es beginnt die trockene Tageran Steppe. Aber Olchon ist weit, sehr weit und noch nirgends in Sicht. Nur noch ein paar Leute aus St. Petersburg, eine andere Familie und der Fischer sind an Bord, nebst der Crew natürlich und uns. Die Kinder freuen sich ob dem neu gewonnenen Platz, denn sie sassen jetzt schon den ganzen Tag still. Anja hilft der Stewardess alle Sessel wieder in Ordnung zu bringen und die beiden sind glücklich was zu tun zu haben.


Dann taucht die Insel auf, und endlich auch die Durchfahrt zum kleinen Meer, wie der Teil zwischen der Insel und dem Festland heisst. Wir biegen in die Durchfahrt ein uns sehen bald auch die Fähre, welche Olchon mit dem Festland verbindet. Die Autokolonne die von der Insel aufs Festland will, ist endlos lange!


Wir kreuzen die Fährroute und umfahren den südlichsten Zipfel der Insel, um auf der anderen Seite noch rund 35 Kilometer rauf bis Chuschir zu fahren. Das kleine Meer jedoch ist uns nicht freundlich gesinnt, und eben ruft auch Youri aus Irkutsk an um mir zu sagen, dass es einen heftigen Sturm gäbe, und er fragt wo wir sind. Super beruhigende Nachricht, hatten wir sowieso schon eine Stunde Verspätung, kommt jetzt noch dieser Sturm der so gefürchtet ist, dazu. In Kürze sehen wir nicht mehr aus den Fenstern, die Wellen schlagen über unser Schiff und wir müssen uns festhalten um nicht herumzufliegen. Die St. Petersburger sind ganz still geworden. Nur unsere Kinder jauchzen, sie finden das total lässig wenn die Wellen wieder an die Scheiben klatschen und wir wieder auf uns ab geschaukelt werden. Wie eine Achterbahn finden sie das (obwohl sie zwar noch nie Achterbahn gefahren sind!!). Mir kommt es vor als wären wir in einer grossen Suppenschüssel in der einer mit einem riesen Löffel rührt, denn die Wellen kommen von allen Seiten. Mal kippen wir stark nach links und rechts, mal nach hinten und vorne, es hat gar kein Schema, und die Felsen der Insel sind auch noch nah. Was hab ich mir bloss dabei gedacht, schiesst mir durch den Kopf? Kein Wunder, dass das Schiff, welches wir für die Kunden jeweils buchen, nur bis zur Fährstation auf Olchon fährt, bis dahin war es nicht so gefährlich. Aber nein, ich musste ja wieder etwas anderes machen…


Am Ufer ist nichts mehr zu erkennen, so wackelt es. Irgendwann kommt die Stewardess und meint: don’t worry, in 10 Minuten sind wir in Chuschir. Ich kann es kaum glauben. Das Manöver direkt an den Strand hinter dem Schamanenfelsen ist relativ kriminell in meinen Augen, aber ich bin ja nicht der Kapitän. Ich seh nur die Felsen direkt neben meinem Fenster und hoffe dass wir es an Land schaffen ohne daran zu zerschellen. Ich muss vielleicht noch vorneweg nehmen, dass wir bei unserer ersten Reise nach Olchon erlebt hatten, wie die Fähre mehrere Male auf Grund gelaufen ist, daher konnte ich bald nicht mehr glauben, wirklich mal unbeschadet anzukommen.