(20. Juni 2006)

 

Als wir aus dem Zug steigen, erwartet uns ein ganzes Empfangskommitte mit zwei Autos. Unser Partner Rashit hat das alles organisiert und wir freuen uns über den warmherzigen Empfang bei dem nasskalten Wetter. Wir wohnen am Stadtrand in einer kleinen Hotelanlage, die aus mehreren kleinen Holzhäuschen besteht, und haben eines dieser Häuschen ganz für uns alleine zur Verfügung. Es ist alles sehr liebevoll eingerichtet und es gibt auch ein sehr schönes Restaurant, bei dem man nach vorheriger Bestellung jeweils Mittag- oder Nachtessen kann.

Nachdem wir uns etwas erholt haben, besuchen wir Rashit. Er wohnt in einem schönen, grossen Holzhaus und erzählt uns, wie er zum Bau der BAM nach Severobaikalsk gekommen ist. Anfang der 70er Jahre stand hier kein einziges Haus, es gab nur unberührte Taiga und weiter nördlich nomadisierende Ewenkenstämme, welche Rentiere züchteten und in Jurten lebten. Für den Bau der Eisenbahn brauchte man sehr viele Freiwillige und machte grosse Propaganda. Man versprach einen hohen Lohn und eine eigene Wohnung. Zehn Millionenstädte sollten insgesamt entlang der rund 3400 Kilometer langen Strecke entstehen. Doch die Wirklichkeit sah ein wenig anders aus. Es wurden viel zu wenig Wohnungen gebaut, und etliche BAM-Arbeiter verbrachten viele Jahre in den temporären Siedlungen, die nur gerade mit dem allernötigsten ausgestattet waren.

 

Rashit war Ingenieur und aufgrund seiner hohen Stellung besser dran. Für seine Familie mit zwei Söhnen bekam er schon recht bald ein eigenes Haus, in welchem wir nun Tee trinken und über alles mögliche diskutieren.

 

Auch der zweite Tag in Severobaikalsk ist grau, trüb und nass. Trotzdem fahren wir mit Alwina, unserer deutscchsprachigen Reiseleiterin, ihrem Mann und Rashit nach Nischneangarsk. Dieses Städtchen liegt 40 Kilometer weiter nördlich von Severobaikalsk, ziemlich direkt am Nordende des Baikalsees. Es besteht fast ausnahmslos aus hübschen Holzhäuschen, die sich weit dem Ufer entlangziehen. Gemäss Reiseführer soll es hier alles mögliche an Infrastruktur geben, doch mindestens auf dem ersten Blick ist davon nicht viel zu sehen.

 

Wir besuchen den Kunstmaler Evi Enk (Künstlername!). Schon sein Haus unterscheidet sich äusserlich von allen anderen. Es hat nicht ein Gibeldach, sondern gleicht mehr einem Viereckigen Klotz. Wir gelangen direkt in sein Atelier, welches auf der linken Seite voller Bilder ist. Rechts fällt uns ein Kästchen mit verschiedenen Wollfäden auf, und eine Werkbank mit – für einen Maler – eher untypischem Werkzeug. Doch wie sich bald heruasstellt, ist Evi Enk auch kein gewöhnlicher Maler. Er ist ein sehr egozentrischer Mensch mit einer Vision. Weil seine Vorfahren Ewenken waren, hat er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, mit seinen Kunstwerken deren Kultur bekannt zu machen. Ursprünglich hat er Kunstmaler gelernt, seine interessantesten Bilder haben mit Malen nicht sehr viel zu tun. Sie bestehen aus einer Leinwand aus Jutenstoff. Darauf arbeitet er mit Wollfäden, Schnüren und Leder. Die riesigen Bilder stellen Motive aus dem Schamanismus, Götter, Geister, Rentiere, Dörfer, usw. dar. Jedes hat seinen eigenen Namen und seine Geschichte. Allerdings kann er die Bilder kaum verkaufen, weil es dazu in dieser Region ganz einfach keinen Markt gibt. Er träumt davon, in Moskau eine Ausstellung zu machen, doch dafür fehlt im das Geld (100'000 Rubel meint er, rund 4500 Franken). Auf die Frage, wovon er denn lebe, antwortet er lächelnd: „Vom Glaube an Gott!“ Er macht seit 25 Jahren nichts anderes, als diese Bilder und kann sich auch kein anderes Leben vorstellen. Ihn zu fotografieren bedarf einiges an Überredungskunst, und wir müssen im Voraus genau festlegen, wie viele Fotos wir machen werden...

 

Später besuchen wir den Flughafen von Nischneangarsk. Er hat sogar eine asphaltierte Landebahn. Dreimal in der Woche geht ein Flieger nach Uland Ude, etwa ebenso oft einer nach Irkutsk. In dem Flughafengebäude soll es sogar einen Check-Inn und eine Sicherheitskontrolle geben. Wir haben davon nichts gesehen. Nur eine leere Halle und ein kleines Restaurant, wo wir zu Mittag essen. Alwina übersetzt die Karte und wir bestellen „Kotelett“ für 18 Rubel (0.80 CHF). Das „Kotelett“ wurde durch den Fleischwolf gedreht und als Hacktätschli serviert, dazu gibt’s – wie oft in Russland- kalte Maccaroni. Tee kostet 1 Rubel, das kann man nicht mehr umrechnen, es ist eher ein symbolischer Beitrag.

 

Am Nachmittag fahren wir zur Ewenkensiedlung Cholodnje, von welcher wir uns einen Einblick in die Kultur der Ureinwohner erhoffen. Rentiere und Jurten sollte es hier gemäss Reiseführer geben, doch wie es sich herausstellt, ist dieser leider restlos veraltet. Das Dorf unterscheidet sich überhaupt nicht von jedem anderen russischen Dorf, es besteht genauso aus Holzhäusern und Naturstrassen. Weil heute Feiertag ist, gibt es aus unerklärlichen Gründen keinen Strom. Das Museum können wir deshalb auch nicht besuchen. Jemand anders will uns einen Film gegen eine Gebühr von stolzen 1500 Rubel (ca. 70.-) zeigen – wie das ohne Strom möglich sein soll, bleibt uns bis heute ein Rätsel! Alle Versuche, doch noch irgendetwas über diese Leute zu erfahren, bleiben leider ohne Erfolg. Etwas missmutig machen wir uns auf den Rückweg.

 

Der Baikalsee ist uns mit seinem Wetter dieses Mal wirklich nicht gerade gnädig. Obwohl Sibirien für den Wechsel zwischen schönem und schlechtem Wetter bekannt ist, hängen die Wolken diesmal sehr tief und zäh über dem Gebiet. So schieben wir einen Einkaufstag ein und tauchen ein in das städtische Leben hier mitten in der Taiga. Es ist tatsächlich so, direkt hinter dem letzten Haus beginnt die Wildnis, nicht erst weiter draussen. Die Stadt ist von dichtem Wald ummantelt, was ihr ein besonders Flair gibt. So klein wie sie ist, ist sie dennoch praktisch und wir finden innert Kürze alles, was wir brauchen auf engstem Raum. Es ist angenehm und man bleibt auch mit Kamera völllig unbehelligt. Mit dem Taxi kann man sich günstig und schnell fortbewegen, und wir nutzen diesen Komfort mehrmals gerne.

 

Das Highlight unsere Aufenthaltes in dieser Region sparen wir uns ganz bis zum Ende auf, in der Hoffnung, dass das Wetter doch noch aufklart. Unsere Stossgebete werden erhört und bei strahlend blauem Himmel fahren wir mit dem Auto ins eine Stunde entfernte Dort Baikalskoje. Schon die Fahrt dorthin ist wunderschön. Die Strasse führt mitten durch die unberührte Taiga, die mit wildem, pinkfarbenem Rhododendron überzogen ist. In der Luft liegt würziger Duft der verschiedensten Kräuter. Wir können uns die Herrlichkeit geradezu vorstellen, wenn hier im September die Beeren reif sind und die Pilze aus dem Boden schiessen. Es gibt soviel davon, dass sich die Bevölkerung damit reichlich eindecken kann und dies natürlich auch tut.

 

Die Strasse führt zu einem Aussichtspunkt. Dies ist ein heiliger Platz für die Burjaten, und das auch zu recht. Die Aussicht, die sich uns von hier oben bietet, gleicht einer Märchenlandschaft. Es ist so herrlich, dass es fast unecht wirkt, wie in einem Fantasy-Film. Der Baikalsee ist von einem Nebelmeer bedeckt. Aus diesem ragen, Inseln gleich, vulkanförmige, waldbedeckte grüne Berge empor. Man kann endlos weit sehen, den See aber jetzt am frühen Morgen unter dem Nebel nur erahnen. Doch gerade dies macht das Bild noch mystischer, als es sonst schon ist.

 

Ganz bezaubert fahren wir weiter. Die Strasse ist nicht gerade die beste, oft ist sie völlig deformiert, doch nach rund 40 Kilometern kommen wir wohlbehalten in Baikalskoje an. Auf den ersten Blick wirkt das Dorf wie bei uns auf der Alp. Es tauchen einige wenige Holzhäuschen auf, Kühe grasen auf der Weide, und links erheben sich einige Hügel, die mit saftigen Kräutern bewachsen sind.

 

Andi und ich unternehmen zuerst mit Anja einen Spaziergang entlang des Flusses, welcher am Rande des Dorfes vorbeifliesst. Wir haben noch in keinem anderen Dorf in ganz Sibirien eine solche Anzahl schmucker Holzhäuschen gesehen wie hier. Es scheint, als ob es einen Wettbewerb gäbe, welches die schöneren Schnitzereien und Malereien hätte. Das ganze Dorf ist sauber und liebevoll gepflegt, und das, obwohl sich hierher kaum einmal Touristen verirren. Oder vielleicht gerade deshalb? Die Leute wirken sehr zufrieden, wir treffen keine Gammler oder Betrunkene, jeder scheint beschäftigt zu sein.

 

Zusammen mit Rashit und Alwina besuchen wir Mischa in seinem Haus. Er ist Fischer, Robbenjäger und Förster. Sein Haus ist hingegen sehr spartanisch. Die Küche und das Esszimmer sind ohne Teppich, nur mit Holzboden, es gibt einen alten Holzherd, der aber kaum mehr in Betrieb ist, und einen Elektroherd mit zwei Platten. Fliessend Wasser gibt es wie in den meisten sibirischen Häusern keines. Oberhalb des Lavabos befindet sich ein Behälter, in den von Hand Wasser eingefüllt wird, das danach wieder in einen Eimer abläuft, der weggetragen werden muss.

 

Mischa ist ein interessanter Typ mittleren Alters. Er unternimmt ab und zu auch Trekking-Touren mit Touristen und zeigt uns Fotos von der herrlichen Gegend, die er mit seinen Pferden durchstreift. Er und seine Frau sind glücklich hier, sie haben genug zu essen, sind beschäftigt, und die Kinder sind schon gross. Die Arbeit als Förster wird durch den Staat entlohnt, meist kommt der Lohn sogar pünktlich, manchmal kann es aber auch passieren, dass Mischa wochenlang darauf warten muss. Dann ist es gut, dass auch seine Frau arbeitet, und sie sich auch fast vollumfänglich selber verpflegen können.

 

Davon können wir uns gleich selber überzeugen. Zum Mittagessen bekommen wir frischen Fisch und Robbenfleisch! Als wir dies hören, ist uns ganz mulmig zumute, vor allem, weil es aus dem Kochtopf auch schon so komisch riecht! Werden wir das essen können? Wir stellen uns das Robbenfleisch als einen Kloss Fett vor, den die Nordländer brauchen, um die strengen Winter zu überstehen, aber für uns ganz sicher nicht geniessbar sein wird. Umso mehr sind wir überrascht, wie schmackhaft das Fleisch ist! Das Fett kann man, wie beim Schweinefleisch auch, einfach weglassen, und statt dessen nur das gute, ganz dunkle Fleisch essen.

 

Einmal im Jahr, von April bis Mai, erhalten ganz wenige Jäger die Erlaubnis, die Süsswasserrobben des Baikalsees, Nerpas, zu jagen. Die Kolchose von 40 Männern erlegt in dieser Zeit 50 Robben. Das Fleisch reicht den Familien wieder einige Zeit zum Leben, und die Robbenbestände werden so in Grenzen gehalten.

 

Witzig finden wir auch, dass es keine Teller gibt, sondern nur Papierunterlagen, und dazu Besteck. Auch Fisch und Kartoffeln werden gereicht und als Hauptgetränk Nr. 1 nicht etwa Vodka, nein sondern Tee, der niemals fehlen darf.

 

Nach interessanten Diskussionen verlassen wir Mischa wieder und fahren mit Alwina und Rashit zum Hafen von Baikalskoje. Der Ort ist ja hauptsächlich ein Fischerdorf, doch die meisten Schiffe stehen verrostet am Ufer. Der Anblick ist extrem beeindruckend, normalerweise sieht man so etwas nur am Fernsehen. Gerade zwei Schiffe entdecken wir, die noch einigermassen seetauglich sind, die anderen bedürfen dringend einer Generalüberholung oder der Entsorgung, doch dies ist hier ein Fremdwort. Bis auf einen Fischer, der an seinem Holzboot arbeitet, ist der Hafen wie ausgestorben. Der Anblick des Baikalsees, von dem sich der Nebel inzwischen verzogen hat, ist herrlich.

 

Auf der Rückfahrt halten wir noch einmal beim Aussichtspunkt mit dem Nebelmeer. Nun können wir den See sehen und sind überwältigt. Man könnte hier stundenlang stehen und einfach die Aussicht geniessen, es ist wie im Paradies! Leider haben wir nicht ewig Zeit, sondern müssen noch ein neues Hotel besichtigen, welches etwas ausserhalb von Severobaikalsk gebaut wird. Uns gefällt, dass man beim Bau auf die Natur Rücksicht genommen hat. Man liess möglichst alles, wie es war, sogar einen grossen Ameisenhaufen gibt es direkt neben dem Eingang. Vieles ist aus wohlriechendem Holz gebaut, wie in unserem Häuschen auch verwendet wurde. Hier gibt es einige Zimmer mit direktem Blick auf den See, verschiedene Aufenthaltsräume mit allen erdenklichen Unterhaltungsmöglichkeiten vom Billiardtisch bis zum Fitnessgerät. Auffallend ist, dass man sowohl hier wie in unserem Hotel sehr viel Wert aufs Detail gelegt hat. Man stellt nicht einfach einen Betonbunker mit möglichst vielen Zimmer hin, sondern lieber etwas kleines, das sich gut in die Landschaft einfügt. Dafür kostet es dann halt etwas mehr, doch das sollte einem solch sanfter Tourismus eigentlich wert sein.

 

Ja, und dann sind sie schon vorbei, die Tage, die wir am Baikalsee verbringen. Der Aufenthalt an diesem See ist immer zu kurz, es gäbe noch so vieles zu sehen und zu erleben. Doch wir haben noch andere Pläne und müssen nun unsere Sachen zusammenpacken und weiterreisen.