(23.Juni 2006)

 

Um 13:15 lokale Zeit fahren wir mit dem BAM-Zug Nr. 76 bei schönstem Wetter dem Baikalsee entlang und können so die Strecke nach Nischneangarsk doch noch geniessen, bei der wir mit dem Auto so schlechtes Wetter gehabt hatten. Die Aussicht aus dem Zugfenster ist berauschend und ich bin froh um meine Digitalkamera, mit der ich Hunderte von Fotos machen kann. Jeden Meter, den der Zug weiterrollt, wird der Blick noch besser, die schneebedeckten Berge noch höher (so hoch, dass sie das ganze Jahr schneebedeckt bleiben), der See noch blauer und die Lagunen noch vielzähliger und farbenprächtiger. Das Ende des Baikalsees ist von ganz seichtem Wasser geprägt, in dem viele Vögel leben. Die Landzunge Yarki ragt fast bis zur Hälfte in den See hinaus und man kann darauf auch spazieren. In kurzen Worten gesagt: ein einmaliges Naturparadies, das man einfach gesehen haben muss!

Ganz anders als bei der ersten Etappe von Taischet nach Severobaikalsk fehlt hier die Industrie fast ganz. Selbst Dörfer werden immer seltener. Der Zug rollt durch die Wildnis. Die Severomuik-Berge schliessen das Tal immer enger ein. Bevor der 15.7 Kilometer lange Tunnel fertiggestellt wurde (2002), stieg der Zug in steilen Serpentinen eine Umfahrungsstrecke empor, die äusserst beeindruckend war. Der Bau des Tunnels selbst ist natürlich auch ein Meisterwerk, besonders weil die Gegend seismisch sehr aktiv ist und es im Berg viele Wasserreservoire und unterirdische Seen gibt, was im Jahr 1979 zu einem schlimmen Unfall und dem Einsturz eines Teils des Tunnels geführt hat. Die Fahrt durch den Tunnel ist natürlich für Touristen wenig spektakulär und ohne Anstrengung kommt man schon nach kurzer Zeit wieder auf der anderen Seite, in Kazankan, hinaus. Die Ortschaft wurde 1977 für die Tunnelarbeiter als temporäre Siedlung errichtet, und ausser der Militärgarde, welche den Tunnel bewacht, sowie ein paar Unterhaltsarbeiter, ist kaum mehr jemand zurückgeblieben.

 

Der Zug fährt in zwei Kurven hinunter in das Muya Tal und oft bietet sich eine schöne Aussicht auf die endlosen Wälder der Taiga. Es ist inzwischen schon recht spät am Abend, doch im Sommer gibt es bis 23 Uhr Tageslicht, was uns auf dieser Reise natürlich sehr zugute kommt. So sehen wir auch Taksimo, die alte Goldgräberstadt, die diese Atmosphäre wohl auch heute noch bewahrt hat. Der Zug bringt viele Güter in die entlegenen Ortschaften, und bei jedem Halt werden haufenweise Kartonschachteln abgeladen und in die wenigen Geschäfte verteilt. In Taksimo ist auch Ende der elektrifizierten Strecke. Wir bekommen eine Diesellokomotive, welche uns die nächsten 2350 Kilometer durch Sibirien ziehen wird. Man könnte auch sagen, Taksimo ist für längere Zeit der letzte grössere Ort, bevor es in totale Einsamkeit weitergeht.

 

Der zweite Tag auf der Strecke nach Tynda verläuft eher ruhig und weniger spektakulär. Beeindruckend ist zwar, dass wir hier sehr tief in Sibirien sind. Die Landschaft besteht zu einem grossen Teil aus Sumpflandschaft, der Wald ist lichter geworden. Grosse Flächen sind abgebrannt, heute steht kein Geld mehr für die Feuerbekämpfung zur Verfügung und die Leute müssen mit eigenen Händen gegen die Flammen ankämpfen, was natürlich bei einer grossen Ausdehnung nicht gelingt. So gibt es hier sehr viele „Baumruinen“, Überreste grosser Waldbrände, die traurig anzuschauen sind.

 

Der Zug folgt einem grossen Fluss. Die Strecke ist nur noch einspurig und wir rollen sehr langsam voran. Ungefähr jede Stunde warten wir auf einer Ausweichsstelle einen entgegenkommenden Zug ab. Grössere Bahnhöfe gibt es nur wenige. Manchmal gibt es Haltestellen mitten im Nichts und wir fragen uns, wo die Leute hier wohl hinwollen. Der Himmel bedeckt sich wieder mit Wolken und es bleibt uns etwas Zeit, um auszuruhen, bevor wir in Tinda ankommen.